Linsenkolobom (Lens Coloboma)
1. Was ist ein Linsenkolobom?
Abschnitt betitelt „1. Was ist ein Linsenkolobom?“Ein Linsenkolobom ist eine Fehlbildung, bei der der Äquatorrand der Linse aufgrund einer unvollständigen Entwicklung teilweise unregelmäßig eingedellt ist. Durch einen teilweisen Defekt der Zonulafasern (Zonula Zinnii) entsteht eine kerbenartige Vertiefung am Linsenrand, wobei die Zonulafasern an dieser Stelle vermindert oder gedehnt sind. In einigen Fällen liegt auch ein teilweiser Defekt des Ziliarkörpers vor. Es besteht ein Zusammenhang mit dem unvollständigen Verschluss der embryonalen Spalte, und häufig tritt das Kolobom zusammen mit einem Iris-, Ziliarkörper- oder Aderhautkolobom im unteren Bereich auf.
„Kolobom“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Defekt“ oder „Ausschnitt“. Am Auge kann es in verschiedenen Strukturen wie Iris, Ziliarkörper, Aderhaut oder Sehnerv auftreten. Tritt es in der Linse auf, spricht man speziell von einem Linsenkolobom. Auch bei angeborener Linsenluxation sind Linsendefekte häufig.
Epidemiologie
Abschnitt betitelt „Epidemiologie“Genaue Prävalenzdaten für Linsenkolobome sind rar. Für okuläre Kolobome insgesamt wird eine Häufigkeit von etwa 1 pro 10.000 bis 16.000 Geburten berichtet 1). Linsenkolobome treten selten isoliert auf, sondern meist als komplexe Form mit anderen Kolobomen. In der Regel ist ein Auge betroffen, bei beidseitigem Verschluss der embryonalen Spalte kann es jedoch beidseitig auftreten.
Okuläre Kolobome sind eine wichtige Ursache angeborener Sehbehinderung und erfordern zusammen mit Mikrophthalmie und Anophthalmie eine angemessene Betreuung 2).
Der Linsenkolobom ist eine angeborene Erkrankung, die mit einem unvollständigen Verschluss der embryonalen Spalte einhergeht. Sie kann isoliert auftreten oder als Teil einer generalisierten Fehlbildung des Auges im Zusammenhang mit Genanomalien wie PAX2, PAX6 und CHD7. Sie kann auch mit systemischen Syndromen wie CHARGE-Syndrom (CHD7-Genmutation) oder Nierenkolobom-Syndrom (PAX2-Genmutation) assoziiert sein. Bei Vorliegen weiterer Kolobome oder Verdacht auf eine systemische Erkrankung wird eine genetische Beratung empfohlen.
2. Hauptsymptome und klinische Befunde
Abschnitt betitelt „2. Hauptsymptome und klinische Befunde“Subjektive Symptome
Abschnitt betitelt „Subjektive Symptome“Die Symptome einer Linsenkolobom variieren stark je nach Ausmaß des Defekts und begleitenden Augenerkrankungen.
- Asymptomatisch: Bei milden Linsenkolobomen ist die Sehbeeinträchtigung gering; sie werden oft zufällig bei der Spaltlampenuntersuchung unter Mydriasis entdeckt.
- Sehverschlechterung: Tritt bei begleitendem Katarakt auf. Die Sehkraft nimmt je nach Lokalisation und Ausmaß der Trübung ab. Bei Kindern ist dies eine Hauptursache für Amblyopie.
- Irregulärer Astigmatismus: Durch die Verformung des Linsenäquators entsteht ein unregelmäßiger Astigmatismus, der mit einer Brille nicht ausreichend korrigiert werden kann.
- Augenfehlstellung und Amblyopie: Bei Kindern mit assoziiertem Kolobom und Sehschwäche kann sich ein Schielen oder eine Amblyopie entwickeln
- Gesichtsfeldausfall: Bei begleitendem Aderhautkolobom tritt ein entsprechender Gesichtsfeldausfall (häufig im oberen Bereich) auf
Klinische Befunde
Abschnitt betitelt „Klinische Befunde“Die Spaltlampenuntersuchung in Mydriasis ist der Kern der Diagnose, wobei folgende Befunde zu beobachten sind.
- Kerbenförmiger Defekt am Linsenäquator: Eine eingekerbte, konkave Verformung am Linsenrand. Tritt am häufigsten inferior (an der Stelle der embryonalen Spalte) auf.
- Anomalien der Zonula Zinnii: Die Zonulafasern im Bereich des Defekts sind vermindert oder gedehnt, was zu einer instabilen Linsenaufhängung führt.
- Iriskolobom: Kann mit einem Defekt der unteren Iris (schlüssellochförmige Pupille) einhergehen.
- Linsentrübung: Katarakt tritt mit hoher Rate auf. Das Trübungsmuster reicht von nukleärem Katarakt bis zu kortikaler Trübung.
- Fundusbefund: Bei Vorliegen eines Aderhaut-Netzhaut-Koloboms zeigt sich ein Defekt der unteren Netzhaut und Aderhaut.
Bei geringfügigen Defekten kann die Auswirkung auf das Sehvermögen gering sein. Eine Sehverschlechterung wird problematisch, wenn eine Katarakt oder ein erheblicher irregulärer Astigmatismus vorliegt. Bei Vorliegen eines Aderhaut-Netzhaut-Koloboms kann es zu einem dem Defekt entsprechenden Gesichtsfeldausfall kommen. Bei Kindern kann sich eine Amblyopie entwickeln, weshalb eine frühzeitige Erkennung und Behandlung wichtig ist.
3. Ursachen und Risikofaktoren
Abschnitt betitelt „3. Ursachen und Risikofaktoren“Entstehungsmechanismus
Abschnitt betitelt „Entstehungsmechanismus“Der Hauptentstehungsmechanismus des Linsenkoloboms ist der unvollständige Verschluss der fetalen Spalte. In der 6. bis 7. Embryonalwoche verschmilzt der untere Rand des Augenbechers (fetale Spalte) und schließt sich. Wenn dieser Schließungsprozess gestört ist, bleibt ein Defekt im unteren Teil des Augenbechers bestehen.
Das Linsenkolobom entsteht, wenn die vom Ziliarkörper stammenden Zonulafasern im Bereich des unvollständigen fetalen Spaltenverschlusses eine Fehlbildung aufweisen. Im Defektbereich sind die Zonulafasern vermindert oder gedehnt, was zu einer asymmetrischen Zugwirkung auf die Linse und zur Bildung einer konkaven Einkerbung (Notch) am Äquatorrand führt. Gleichzeitig kann auch der Ziliarkörper selbst einen Defekt aufweisen, was Teil des ophthalmologischen Phänotyps des unvollständigen fetalen Spaltenverschlusses ist.
Genetischer Hintergrund
Abschnitt betitelt „Genetischer Hintergrund“Als Ursache für Kolobome wurden mehrere Genmutationen identifiziert 3).
- PAX2-Gen: Verursacht das Nieren-Kolobom-Syndrom. Es kommt zu einer Kombination von Sehnervenkolobom und Nierenhypoplasie. Das Augenkolobom ist ein Hauptmerkmal 4)
- CHD7-Gen: Verursacht das CHARGE-Syndrom (Kolobom, Herzfehler, Choanalatresie, Entwicklungsverzögerung, Genitalanomalien, Ohranomalien). Es kodiert einen Chromatin-Remodellierungsfaktor; Mutationen führen zu multiplen Organfehlbildungen einschließlich Augenkolobom 5)
- PAX6-Gen: Wichtiger Transkriptionsfaktor für die Augenentwicklung. Mutationen zeigen ein breites phänotypisches Spektrum wie Aniridie und Kolobom
- SHH-Gen, FZD4-Gen usw.: Sie sind an der Augenbildung beteiligt, und Mutationen können zu Kolobomen führen.
Bei isoliertem Linsenkolobom (ohne andere Kolobome) werden häufig keine Genmutationen identifiziert.
Assoziierte Erkrankungen
Abschnitt betitelt „Assoziierte Erkrankungen“Linsenkolobome treten häufig zusammen mit anderen Augenkolobomen oder angeborenen Anomalien auf.
- Iris-Kolobom: Häufigste assoziierte Fehlbildung. Äußert sich als Defekt der unteren Iris (schlüssellochförmige Pupille)
- Ziliarkörper-Kolobom: Steht über eine Dysgenesie der Zonula Zinnii in direktem Zusammenhang mit Linsenkolobom
- Aderhaut-Netzhaut-Kolobom: Defekt der unteren Aderhaut und Netzhaut. Hat großen Einfluss auf die Sehprognose und das Netzhautablösungsrisiko
- Papillenkolobom: Defekt um den Sehnerv. Kann mit ausgeprägten Gesichtsfeldausfällen einhergehen
- Angeborene Linsenluxation: Kann mit einem Linsenkolobom einhergehen, begleitet von ausgedehnten Zonula-Zinnii-Anomalien
- Mikrophthalmus: Kann als schwere Form des fetalen Spaltverschlussdefekts mit einem Mikrophthalmus einhergehen
4. Diagnose und Untersuchungsmethoden
Abschnitt betitelt „4. Diagnose und Untersuchungsmethoden“Die Diagnose eines Linsenkoloboms basiert auf der Spaltlampenuntersuchung unter Mydriasis. Zur Beurteilung begleitender Augenerkrankungen werden mehrere Untersuchungen kombiniert. Bei der Anamnese sind Familienanamnese und systemische Auffälligkeiten obligat zu erfragen.
| Untersuchungsparameter | Zweck | Hauptbefunde |
|---|---|---|
| Spaltlampenuntersuchung in Mydriasis | Nachweis von Linsenäquatordefekten, Beurteilung der Zonula Zinnii | Kerbenförmige Defekte (häufiger inferior), verminderte Anzahl/gestreckte Zonulafasern |
| Fundusuntersuchung | Bestätigung eines Aderhautkoloboms / Beurteilung einer Netzhautablösung | Unterer Netzhaut-Aderhaut-Defekt, Kolobom der Sehnervenpapille |
| Gesichtsfelduntersuchung | Beurteilung von Gesichtsfeldausfällen | Oberer Gesichtsfeldausfall (entsprechend dem Aderhautkolobom) |
| UBM-Untersuchung | Detaillierte Beurteilung der vorderen Augenabschnitte | Visualisierung der verminderten Anzahl und Dehnung der Zonulafasern |
Schwerpunkte der einzelnen Untersuchungen
Abschnitt betitelt „Schwerpunkte der einzelnen Untersuchungen“Spaltlampenmikroskopie unter Mydriasis ist die Grundlage der Diagnostik. Eine kerbenartige konkave Deformität am Äquator der Linse, die unten (Position der embryonalen Spalte) festgestellt wird, sichert die Diagnose. Die Beurteilung des Zustands der Zonula Zinnii im Defektbereich (Grad der Verminderung/Dehnung) liefert wichtige Informationen für die spätere Kataraktoperationsplanung.
Fundusuntersuchung bewertet das Vorhandensein und die Ausdehnung eines Aderhautkoloboms. Die Überprüfung, ob der Defekt die Makula oder den Sehnervenkopf betrifft, ist für die Vorhersage der Sehprognose unerlässlich.
Ultraschallbiomikroskopie (UBM) ermöglicht die Beurteilung der Feinstruktur der Zonula Zinnii als tomografisches Bild 6) und ist nützlich für die Bewertung der Fragilität vor einer Kataraktoperation. Sie hilft bei der Vorhersage des Schwierigkeitsgrads der Kapsulorhexis (CCC).
Systemische Untersuchung: Bei Verdacht auf Assoziationen wie CHARGE-Syndrom (Herz, Ohrmuscheln, Choanalatresie) oder Nierenkolobom-Syndrom (Nierenfunktion) erfolgt eine systemische Bewertung in Zusammenarbeit mit den entsprechenden Fachabteilungen.
Differenzialdiagnose
Abschnitt betitelt „Differenzialdiagnose“- Traumatische Linsenluxation: Abgrenzung durch Vorliegen eines Traumas, Bruchmuster der Zonulafasern (meist akut und einseitig)
- Kongenitale Linsenluxation (Marfan-Syndrom, Weill-Marchesani-Syndrom etc.): Abgrenzung durch systemische Erkrankungen oder Skelettanomalien. Begleitet von ausgedehnten Zonuladefekten mit charakteristischer Luxationsrichtung (beim Marfan-Syndrom meist nach oben)
- Sphärophakie: Erkrankung mit kugelförmiger Linse. Abgrenzung im Zusammenhang mit Weill-Marchesani-Syndrom oder Alport-Syndrom
Die Diagnose kann gestellt werden, wenn bei der Spaltlampenuntersuchung unter Mydriasis eine kerbenartige Einkerbung des Linsenäquators bestätigt wird. Eine Fundusuntersuchung ist ebenfalls obligatorisch, um begleitende Aderhaut- und Netzhautkolobome zu beurteilen. Bei der Planung einer Kataraktoperation kann eine UBM-Untersuchung zur detaillierten Beurteilung der Zonulafasern hilfreich sein. Bei Verdacht auf systemische Erkrankungen (z. B. CHARGE-Syndrom) ist die Zusammenarbeit mit der Pädiatrie wichtig.
5. Standardbehandlungen
Abschnitt betitelt „5. Standardbehandlungen“Es gibt keine kausale Behandlung des Linsenkoloboms selbst. Die Therapie konzentriert sich auf die Behandlung von Komplikationen (Katarakt, irregulärer Astigmatismus, Amblyopie, Netzhautablösung).
Konservative Behandlung
Abschnitt betitelt „Konservative Behandlung“- Refraktionskorrektur: Bei irregulärem Astigmatismus ist eine Brillenverordnung die Grundlage. Wenn mit einer Brille keine ausreichende Korrektur erzielt werden kann, werden harte Kontaktlinsen verwendet. Harte Kontaktlinsen gleichen den irregulären Astigmatismus aus, indem sie die Hornhautvorderseite gleichmäßig bedecken.
- Amblyopiebehandlung: Bei Kindern mit Sehunterschieden wird eine Okklusionstherapie (Augenpflaster) des gesunden Auges durchgeführt. Ein Eingreifen innerhalb der kritischen Phase der Sehentwicklung (etwa bis zum 10. Lebensjahr) ist entscheidend, um eine irreversible Sehverschlechterung zu verhindern.
- Regelmäßige Funduskontrollen: Bei Patienten mit Aderhaut-Netzhaut-Kolobom besteht ein Risiko für Netzhautablösung. Daher werden alle 6 bis 12 Monate Funduskontrollen durchgeführt, um eine frühzeitige Erkennung zu ermöglichen.
Kataraktoperation
Abschnitt betitelt „Kataraktoperation“Wenn ein Katarakt auftritt und die Sehbehinderung fortschreitet, ist eine Operation indiziert. Bei Linsendefekten ist die Unterstützung der Linse aufgrund der verminderten Anzahl und Dehnung der Zonulafasern instabil, was die Operation schwieriger macht als eine normale Kataraktoperation.
Wichtige präoperative Beurteilungen:
- Beurteilung des Zustands der Zonulafasern mittels Spaltlampenmikroskopie und UBM.
- Der Grad der Linsenbewegung während der Kapsulorhexis (CCC) bestimmt die Schwäche der Zonula Zinnii.
- Je nach Schwächegrad werden Kapselstützvorrichtungen (CTR, M-CTR, CTS usw.) vorbereitet.
Die Wahl des Operationsverfahrens in Abhängigkeit vom Schwächegrad der Zonula Zinnii ist wie folgt.
| Schwächegrad der Zonula Zinnii | Empfohlenes Verfahren | Kapselstützvorrichtung |
|---|---|---|
| Leicht (Grad 1) | Phakoemulsifikation (PEA) | CTR „zuerst eingesetzt“ |
| Mäßig (Grad 2) | PEA | CTR + CE (Kapselspanner) in Kombination erwägen |
| Schwer (Grad 3 oder höher) | Extrakapsuläre Kataraktextraktion (ECCE) erwägen | M-CTR/CTS (skleral fixiert) |
| Ausgedehnter Defekt | Linsenextraktion | Sklerafixierte IOL / Iris-Capture-IOL |
Verwendungspunkte des CTR (Capsule Tension Ring: Kapselspannring):
Der CTR ist ein Instrument, das bei der Kataraktoperation in Fällen mit geschwächten Zonulafasern in den Kapselsack eingesetzt wird, um die Kapsel rund zu halten und die Belastung der Zonulafasern zu verringern. Die Verwendung des CTR kann einen hinteren Kapselriss und eine Vergrößerung des Risses der Zonulafasern verhindern 7).
Bei leichten bis mittelschweren Fällen ist es nützlich, nach der Kapsulorhexis (CCC) vor der Kernemulsion mit dem Ultraschall-Emulsifikations-(US-)Handstück einen Kapselspannring (CTR) „vorab“ einzusetzen. Durch ausreichendes Aufdehnen des Kapselsacks mit einem Viskoelastikum (z. B. Hyaluronsäurepräparat) vor dem Einsetzen des CTR kann die Belastung des Kapselsacks während des Einsetzvorgangs verringert werden. Bei harten Kernen ist die Rindenschicht dünn, was das Einsetzen des CTR erschweren kann; daher ist Vorsicht geboten.
Bei schwerer Zonulaschwäche sind Kapselstützvorrichtungen wie ein sklerafixierbarer modifizierter CTR (Cionni-Ring) eine Option 7). Durch die Unterstützung des gesamten Kapselsacks an der Sklera wird eine Stabilisierung der IOL im Kapselsack erreicht. Bei unzureichender Unterstützung durch die hintere Kapsel oder die Zonula wird eine Fixierung der IOL außerhalb des Kapselsacks (Sklerafixation der IOL, Irisnaht-IOL) gewählt. Bei Kindern kann auch eine aphake Korrektur der Refraktion erfolgen.
Behandlung der Netzhautablösung
Abschnitt betitelt „Behandlung der Netzhautablösung“Bei Patienten mit Aderhautkolobom besteht ein hohes Risiko für eine Netzhautablösung. Im Bereich des Koloboms fehlen Netzhaut und Aderhaut, und in der Umgebung kommt es leicht zu einer Netzhautablösung. Eine mit einem Kolobom verbundene Netzhautablösung ist oft schwer zu behandeln und wird mittels Vitrektomie operiert, wobei die Sehfunktionsprognose von der Ausdehnung und Lage des Defekts abhängt 1).
Aufgrund der verminderten Anzahl und Ausdehnung der Zonulafasern ist die Operation schwieriger als eine normale Kataraktoperation. Während der CCC wird die Fragilität der Zonula beurteilt und je nach Fragilität werden Kapselstützvorrichtungen wie ein CTR (Kapselspannring) verwendet. Bei leichter bis mittelschwerer Fragilität wird eine Phakoemulsifikation mit primärem CTR-Einsatz durchgeführt. Bei schwerer Fragilität werden sklerafixierte Kapselstützvorrichtungen wie M-CTR oder CTS sowie eine extrakapsuläre IOL-Fixation gewählt. Eine Operation durch einen erfahrenen Chirurgen wird empfohlen.
6. Pathophysiologie und detaillierter Entstehungsmechanismus
Abschnitt betitelt „6. Pathophysiologie und detaillierter Entstehungsmechanismus“Embryologischer Hintergrund
Abschnitt betitelt „Embryologischer Hintergrund“Bei der Entwicklung des Auges differenzieren sich Netzhaut, Aderhaut, Iris, Ziliarkörper und Zonulafasern aus dem Augenbecher (sekundäres Augenbläschen). Wenn sich der untere Rand des Augenbechers (embryonale Spalte) in der 6. bis 7. Schwangerschaftswoche schließt und dabei eine Anomalie auftritt, entstehen je nach Ausmaß und Ort des unvollständigen Verschlusses verschiedene Kolobome 2).
Ein Linsenkolobom entsteht, wenn die vom Ziliarkörper stammenden Zonulafasern im Bereich des unvollständigen Verschlusses der embryonalen Spalte eine Hypoplasie aufweisen. Normalerweise verlaufen die Zonulafasern gleichmäßig radial vom Ziliarkörper zum Äquator der Linse. Im Defektbereich sind die Fasern entweder zahlenmäßig reduziert (Hypoplasie) oder gedehnt (Elongation). Durch diese asymmetrische Zugkraft entsteht eine konkave Verformung (Kerbe) am Linsenäquator. Gleichzeitig kann ein Teil des Ziliarkörpers fehlen (Ziliarkörperkolobom). Bei einem ausgedehnteren Verschlussdefekt der embryonalen Spalte sind auch Iris, Netzhaut, Aderhaut und Sehnerv betroffen.
Molekulargenetischer Mechanismus
Abschnitt betitelt „Molekulargenetischer Mechanismus“Der molekulargenetische Hintergrund von Augenkolobomen ist komplex, und es wurden Anomalien mehrerer Transkriptionsfaktoren und Signalwege berichtet, die an der Augenentwicklung beteiligt sind3).
PAX2 und PAX6 sind wichtige Transkriptionsfaktoren in der Augenentwicklung und auch an Signalen beteiligt, die den Verschluss der embryonalen Spalte steuern. PAX2-Mutationen führen hauptsächlich zu Kolobomen des Sehnervs und Nierenhypoplasie (Nierenkolobom-Syndrom), während PAX6-Mutationen verschiedene Phänotypen wie Aniridie und Kolobome hervorrufen4). CHD7 ist ein Chromatin-Remodellierungsfaktor und verursacht als ursächliches Gen des CHARGE-Syndroms multiple Organfehlbildungen einschließlich Augenkolobomen5).
Struktur und Funktion der Zonula Zinnii
Abschnitt betitelt „Struktur und Funktion der Zonula Zinnii“Die Zonula Zinnii (Ziliarkörper-Zonula) ist ein Faserbündel, das vom Ziliarkörper radial zum Äquator der Linse verläuft und die Linse im Auge aufhängt und stützt. Die Fasern bestehen aus Mikrofibrillen, deren Hauptbestandteil Fibrillin-1 (das bei Marfan-Syndrom ursächliche Protein) ist.
Bei Linsenkolobomen wird die Linsenstütze durch eine verminderte Anzahl oder Dehnung der Zonula Zinnii instabil. Diese Instabilität trägt nicht nur zu irregulärem Astigmatismus bei, sondern führt auch zu einer verminderten Kapselstabilität während der Kataraktoperation. Bei der Durchführung einer Kapsulorhexis (CCC) während der Operation kann die Linse im Bereich der geschwächten Zonula Zinnii instabil schwanken, was das Risiko einer verminderten Präzision der Kapsulorhexis erhöht. Der CTR ist ein Instrument, das zur Lösung dieses Problems entwickelt wurde. Er wird in den Kapselsack eingesetzt, um ihn von innen kreisförmig zu stützen und die Belastung auf die Zonula Zinnii gleichmäßig zu verteilen.
7. Prognose und Verlauf
Abschnitt betitelt „7. Prognose und Verlauf“Natürlicher Verlauf
Abschnitt betitelt „Natürlicher Verlauf“Das Linsenkolobom selbst ist in der Regel nicht fortschreitend. Größe und Form des Koloboms ändern sich mit dem Wachstum meist nicht wesentlich. Wenn ein mildes Linsenkolobom isoliert vorliegt, kann die Beeinträchtigung der Sehfunktion gering sein. Allerdings variiert die Sehprognose stark je nach Vorhandensein und Ausmaß assoziierter Kolobome, sodass der Zustand der Begleiterkrankungen die Prognose bestimmt.
Komplikationen und Prognose
Abschnitt betitelt „Komplikationen und Prognose“- Katarakt-Komorbidität: Eine frühzeitige Kataraktoperation kann die Sehkraft verbessern. Aufgrund von Problemen mit den Zonulafasern ist das Operationsrisiko jedoch hoch, sodass eine gründliche präoperative Beurteilung und Vorbereitung wichtig ist.
- Aderhaut-Netzhaut-Kolobom-Komorbidität: Die Sehprognose hängt von der Ausdehnung und Lage des Koloboms (ob Makula oder Sehnerv betroffen sind) ab. Bei Beteiligung der Makula verbleibt eine deutliche Sehminderung. Es besteht ein Risiko für Netzhautablösung am Kolobomrand, was eine langfristige Nachsorge erfordert 1).
- Amblyopie: Wenn bei Kindern keine frühzeitige Erkennung und Behandlung erfolgt, kann eine irreversible Sehminderung zurückbleiben. Der Beginn einer geeigneten Refraktionskorrektur und Amblyopietherapie vor der kritischen Phase der Sehentwicklung (etwa vor dem 10. Lebensjahr) beeinflusst die Sehprognose maßgeblich.
- Postoperative IOL-Dezentrierung/-Luxation: Aufgrund der Schwäche der Zonulafasern besteht ein Risiko für eine Dezentrierung oder Luxation der IOL im Langzeitverlauf nach Kataraktoperation. Regelmäßige postoperative Kontrollen sind erforderlich.
Langzeitmanagement
Abschnitt betitelt „Langzeitmanagement“- Regelmäßige augenärztliche Untersuchungen (alle 6–12 Monate) zur Überwachung des Fortschreitens von Komplikationen.
- Bei Patienten mit Aderhautkolobom ist eine gründliche Fundusuntersuchung zur Früherkennung einer Netzhautablösung unerlässlich.
- Der Fortschritt des Katarakts wird regelmäßig beurteilt, und wenn die Sehkraft beeinträchtigt ist, wird die Operationsindikation geprüft.
- Bei Kindern ist die Aufrechterhaltung der Therapietreue bei der Amblyopiebehandlung wichtig, und eine umfassende Aufklärung und Unterstützung der Eltern ist erforderlich.
- Bei Vorliegen systemischer Erkrankungen (z. B. CHARGE-Syndrom, Nierenkolobom-Syndrom) erfolgt eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den betroffenen Fachabteilungen.
8. Literatur
Abschnitt betitelt „8. Literatur“- Onwochei BC, Simon JW, Bateman JB, Couture KC, Mir E. Ocular colobomata. Surv Ophthalmol. 2000;45(3):175-194. PMID: 11094243. doi:10.1016/S0039-6257(00)00151-X.
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