Die Brillenverordnung (spectacle prescription) ist die Auswahl und Verschreibung geeigneter Linsenstärken, -typen und -fassungen zur Korrektur von Refraktionsanomalien (Myopie, Hyperopie, Astigmatismus, Presbyopie). Sie ist nicht nur die Bestimmung der Dioptrienzahl, sondern eine umfassende medizinische Maßnahme, die Tragekomfort, binokulares Sehen und Aniseikonie berücksichtigt.
Refraktionsanomalien sind Erkrankungen, und die Refraktionskorrektur ist eine medizinische Maßnahme 1). Im Gegensatz zur Verordnung in einem Optikergeschäft ist die Verordnung in der Augenarztpraxis auch direkt mit der Erkennung und dem Ausschluss von Augenerkrankungen verbunden.
Eine Sehschärfe von 0,7 gilt als Richtwert für die (erneute) Brillenverordnung. Nach der Sehschärfeklassifikation des japanischen Ministeriums für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie können Personen mit einer Sehschärfe von 0,7 oder mehr die Schrift an der Tafel von den hinteren Sitzplätzen im Klassenzimmer lesen. Auch der Bestehenswert für den Führerschein der Klasse B (Pkw) liegt bei 0,7 für beide Augen.
Klassifikation
Sehschärfe
Bedeutung der Klassifikation
A
1,0 oder besser
Die Tafelschrift ist von den hinteren Plätzen gut sichtbar
B
0,9–0,7
Die Tafelschrift ist von den hinteren Plätzen fast vollständig sichtbar
C
0,7–0,3
Die Tafelschrift ist von den hinteren Plätzen schwer lesbar
D
Weniger als 0,3
Die Tafelschrift ist selbst von den vorderen Plätzen nicht ausreichend sichtbar
Die Brillentragequote bei Erwachsenen beträgt 74,2 % (einschließlich ständiger Träger, gelegentlicher Träger und Kontaktlinsennutzer), wobei 40,4 % der Männer und 21,8 % der Frauen ständige Brillenträger sind 1). Der häufigste Zeitpunkt für den Beginn des Brillentragens ist die Mittel- bis Oberstufe, gefolgt von den 40ern bis 50ern (Bedarf an Nahbrillen aufgrund von Presbyopie) 1). Mehr als die Hälfte der Japaner ist kurzsichtig, und Brillen sind das am weitesten verbreitete Mittel zur Refraktionskorrektur.
Kempen et al. berichteten über die geschätzte Prävalenz von Myopie (sphärisches Äquivalent ≤ −1 D) bei Personen ab 40 Jahren: 25,4 % in den USA, 26,6 % in Westeuropa und 16,4 % in Australien sowie von Hyperopie (+3 D oder mehr): 9,9 % in den USA, 11,6 % in Westeuropa und 5,8 % in Australien, und schätzten, dass in den USA und Westeuropa etwa ein Drittel sowie in Australien etwa ein Fünftel der Personen ab 40 Jahren eine Refraktionsanomalie aufweisen 10). Die Prävalenz variiert je nach Altersgruppe, Definition der Refraktionsanomalie und Region. In Japan ist die Myopieprogression zu einem wichtigen öffentlichen Gesundheitsproblem geworden, und 2025 wurden Leitlinien für Myopie-Management-Brillen erstellt 2).
QWarum sollte man eine Brillenverordnung beim Augenarzt erhalten?
A
Bei einer Brillenverordnung in der Augenarztpraxis wird nicht nur die geeignete Stärke der Refraktionskorrektur bestimmt, sondern es werden auch Augenkrankheiten wie Katarakt, Glaukom, Amblyopie und Strabismus frühzeitig erkannt. Refraktionsanomalien sind Erkrankungen, und ihre Korrektur ist eine medizinische Maßnahme 1). Da Sehtests in Optikergeschäften keine Diagnose oder Ausschluss von Krankheiten ermöglichen, wird bei der Erstverordnung oder Änderung der Brillenstärke ein Augenarztbesuch empfohlen.
Unterkorrektur: Schlechtes Sehen, Asthenopie, Kopfschmerzen, Schwierigkeiten beim Nahsehen
Überkorrektur (Myopie): Asthenopie durch übermäßigen Akkommodationsaufwand, insbesondere bei Naharbeit
Überkorrektur bei Hyperopie: Unbehagen, schlechtes Sehen
Abweichung der Zylinderachse: Schräggefühl, Verzerrung, Störung des räumlichen Sehens
Bei der Brillenverordnung für Erwachsene ist es wichtig, auf der Grundlage der bestkorrigierten Sehschärfe eine Stärke zu wählen, die im Alltag bequem getragen werden kann. Eine vollständige Korrektur starker Myopie oder eines schrägen Astigmatismus kann zu Verzerrungen führen und das Tragen erschweren 1).
Aniseikonie ist ein Zustand, bei dem die Bildgröße zwischen beiden Augen unterschiedlich ist. Konvexe Linsen vergrößern, konkave Linsen verkleinern, daher tritt sie häufig bei der Korrektur von Anisometropie mit Brillen auf.
Die latente Hyperopie wird im Kindesalter aufgrund des guten Fernvisus ohne Korrektur leicht übersehen. Mit zunehmendem Alter und nachlassender Akkommodationsfähigkeit kommt es zur Dekompensation, beginnend mit Sehstörungen in der Nähe, die sich auf mittlere und ferne Entfernungen ausweiten. Charakteristisch ist eine Verschlechterung der Symptome vom Abend bis zur Nacht.
QWas ist Aniseikonie?
A
Aniseikonie ist ein Zustand, bei dem durch den Dioptrienunterschied der Brillengläser beider Augen ein Größenunterschied der Bilder zwischen den Augen entsteht. Allgemein wird ein Unterschied von 2 % oder weniger als tolerierbar angesehen, wobei ein Brillenglasunterschied von etwa 1,5 bis 2,0 dpt als Richtwert gilt. Da die Toleranz individuell variiert, sollte die Sehqualität bei jedem Patienten mit Testgläsern überprüft werden 1). Charakteristische subjektive Symptome wie ein Drehtürgefühl oder ein Schrägeindruck treten auf und verschwinden bei Abdeckung eines Auges, was ein diagnostischer Hinweis ist.
Myopie: Parallele Lichtstrahlen bündeln sich vor der Netzhaut. Hauptursache ist eine verlängerte Augenachse (axiale Myopie). Korrektur mit Zerstreuungslinsen
Hyperopie: Parallele Lichtstrahlen bündeln sich hinter der Netzhaut. Bei unzureichender Akkommodation sind Fern- und Nahsicht beeinträchtigt. Korrektur mit Sammellinsen
Astigmatismus: Die Krümmung von Hornhaut oder Linse variiert in verschiedenen Meridianen, sodass kein einheitlicher Brennpunkt entsteht. Korrektur mit Zylinderlinsen
Presbyopie: Altersbedingte Abnahme der Linsenelastizität führt zu unzureichender Akkommodation, sodass keine Nahfokussierung möglich ist. Ausgleich durch Addition (zusätzliche Sammellinse)
Eine Situation, in der der Untersucher ein Autorefraktometer bedient und den Refraktionszustand des Patienten objektiv misst. Dies entspricht der objektiven Refraktionsmessung mit einem Autorefraktometer, die im Abschnitt „4. Diagnose und Untersuchungsmethoden“ behandelt wird.
Eine Situation, in der der Patient sein Gesicht an die Augenmuschel eines Phoropters hält und während der Betrachtung von Sehzeichen eine subjektive Refraktionsmessung durchführt. Dies entspricht der subjektiven Refraktionsmessung (Bestimmung der endgültigen Stärke nach der objektiven Messung mit dem Autorefraktometer), die im Abschnitt „4. Diagnose und Untersuchungsmethoden“ behandelt wird.
Untersuchungsablauf bei Erwachsenen
Erfragen der Nutzung: Erfassen der Nutzungssituation und Sehentfernung, z. B. Autofahren, PC-Arbeit, Musikinstrument spielen, Sport usw.
Überprüfung der vorhandenen Brille: Messen der Stärke der aktuellen Brille mit einem Lensmeter.
Refraktionsmessung: Nach der objektiven Messung mit einem Autorefraktometer wird die endgültige Stärke durch eine subjektive Untersuchung bestimmt.
Akkommodationstest: Beurteilung des Akkommodationsvermögens zur Berechnung der Nahzusatzstärke.
PD-Messung: Messung des Pupillenabstands und Eintragung in das Brillenrezept.
Untersuchungsablauf bei Kindern
Refraktionsmessung unter Zykloplegie: Das zu verwendende Zykloplegikum wird nach Augenstellung und Alter ausgewählt3). Bei Vorliegen eines Strabismus convergens wird von Anfang an Atropinsulfat-Augentropfen angewendet, und bei Hyperopie wird eine vollkorrigierende Brille verordnet3). Da die Astigmatismusachse präzise bestimmt wird, sollte Atropinsulfat-Augentropfen auch bei starkem Astigmatismus verwendet werden3). Bei Kindern ohne Strabismus convergens wird in der Regel Cyclopentolathydrochlorid je 1 Tropfen in beide Augen geträufelt, nach 5 Minuten erneut je 1 Tropfen, und nach 45 Minuten wird die Refraktion gemessen3). Wenn dabei eine Refraktionsanomalie festgestellt wird und eine Brille aufgrund von Amblyopie durch erworbenen Strabismus convergens oder Hyperopie für notwendig erachtet wird, wird zur erneuten Untersuchung Atropinsulfat mit stärkerer zykloplegischer Wirkung 1- bis 3-mal täglich für 5 Tage in beide Augen geträufelt3). Atropinsulfat ist ein stark wirkendes Medikament und Mydriasis sowie Zykloplegie halten 2–3 Wochen an, weshalb es nicht unbedacht angewendet werden sollte3). Das Medikament, die Konzentration und die Häufigkeit werden vom Augenarzt je nach Alter und Augenstellung usw. festgelegt.
Axiallängenmessung: Die Messung mittels Laserinterferometrie wird empfohlen2). Sie dient der Überwachung des Myopiefortschritts.
Beurteilung des binokularen Sehens: Abdecktest, Nahstereosehen und Akkommodationsverzögerung werden bewertet.
Fundusuntersuchung: Sie ist zum Ausschluss von Amblyopie und organischen Erkrankungen unerlässlich.
Untersuchungen vor der Verordnung einer Myopie-Management-Brille
Vor der Verordnung einer Myopie-Management-Brille (Multisegmentlinse) sind folgende Beurteilungen erforderlich2).
Die Kombination einer Myopie-Management-Brille mit anderen Myopie-Management-Methoden kann nicht pauschal als Standardbehandlung angesehen werden. Die Leitlinie für Myopie-Management-Brillen weist darauf hin, dass die Evidenz für eine Kombination mit niedrig dosierten Atropin-Augentropfen derzeit begrenzt ist, und die Behandlung sollte individuell festgelegt werden2).
QWarum sind Zykloplegika bei der Brillenverordnung für Kinder notwendig?
A
Da Kinder eine starke Akkommodationsfähigkeit haben, ist es wichtig, bei der Brillenverordnung unter Zykloplegie den tatsächlichen Refraktionswert zu bestimmen3). Ohne Zykloplegie kann die Akkommodation einsetzen, was zu einer Überschätzung der Myopie oder einer Unterschätzung der Hyperopie führen kann. Bei Strabismus convergens wird Atropinsulfat verwendet, ohne Strabismus convergens wird in der Regel Cyclopentolathydrochlorid verwendet3). Auch bei starkem Astigmatismus wird Atropinsulfat verwendet, da die Astigmatismusachse präzise bestimmt werden kann3).
5. Standardbehandlungen (Brillentypen und Verordnungspraxis)
Abbildung eines Probiergestells (Trial Frame), das zum Aufsetzen von Korrekturgläsern zur Überprüfung der Sehschärfe verwendet wird. Es entspricht der subjektiven Refraktionsbestimmung und Stärkenfestlegung, die im Abschnitt „5. Standardbehandlungen (Brillentypen und Verordnungspraxis)“ behandelt werden.
Im Kindesalter übersteigt die Akkommodationsbreite 10 Dioptrien und die sensorische Anpassungsfähigkeit ist hoch. Refraktionsfehler können in der Regel vollständig korrigiert werden. Mit zunehmendem Alter nimmt die Akkommodationsfähigkeit jedoch ab, sodass optische Anpassungen erforderlich werden.
Ausnahmefälle, in denen eine Unterkorrektur der Myopie angemessen ist (Erwachsene)1):
Bei hoher Myopie, wenn der Brillenvergrößerungseffekt groß ist und keine zufriedenstellende Vault-Höhe erreicht wird.
Wenn Myopie im presbyopen Alter als Ausgleich für das Nahsehen fungiert (bei Myopie bis −3D besteht im presbyopen Alter ein Vorteil)
Jüngere Personen mit starker Akkommodationsfähigkeit, die zu Überkorrektur neigen
Die folgenden Altersrichtwerte für die Nahaddition bei Emmetropie sind angegeben.
Alter
Richtwert für die Addition
52 Jahre
+0,50 dpt
56 Jahre
+1,00 dpt
60 Jahre
+1,50 dpt
64 Jahre
+2,00 dpt
68 Jahre
+2,50 dpt
Wenn eine bestehende Myopie vorliegt, wird der Myopie-Wert abgezogen, um die Addition zu berechnen (z. B. bei einem 56-Jährigen mit −0,5 D Myopie beträgt die Nahbrillenstärke +0,50 D statt +1,00 D).
Indikation: Grundlage der Korrektur von Myopie, Hyperopie und Astigmatismus. Verschreibung für Ferne und Nähe getrennt.
Merkmale: Einfache Verordnung und leichte Eingewöhnung. Häufig getrennte Anfertigung für Ferne und Nähe.
Material: Mit ultrahohem Brechungsindex (1,74–1,76) beidseitig asphärische Gläser ermöglichen Verordnungen bis −20 D.
Gleitsichtgläser
Indikation: Standard-Mehrstärkenbrille für Presbyopie.
Merkmale: Keine sichtbare Trennlinie und kein Bildsprung. Allerdings entstehen astigmatische Aberrationen beidseits des Progressionskanals.
Hinweis: Je stärker die Addition und je kürzer die Progression, desto ausgeprägter sind die astigmatischen Probleme.
Intermediate- und Nahgläser
Indikation: Für PC-Arbeit, Handarbeit, Musikinstrumente usw., speziell für den mittleren bis nahen Bereich.
Merkmale: Bieten einen breiten Nahbereich mit geringen astigmatischen Aberrationen.
Brillen zur Myopiekontrolle (Mehrsegmentgläser)
Alter: Das Zielalter klinischer Studien beträgt für MiYOSMART® 5–18 Jahre, für Essilor® Stellest® 7–18 Jahre. Nicht empfohlen für Kinder unter 5 Jahren; das endgültige Zielalter wird vom Augenarzt festgelegt2).
Zielgruppe: Grundsätzlich Kinder mit beidseitiger Myopie von −0,5 D oder mehr unter Zykloplegie in der sphärischen Äquivalenz; die Indikation wird unter Berücksichtigung des Myopieverlaufs und der Familienanamnese geprüft2).
Wirkung: Durchschnittliche Myopieprogressionhemmung von 55–59 % über 2 Jahre2).
Aniseikonie wird allgemein als tolerierbar angesehen, wenn sie bei 2 % oder darunter liegt; dies entspricht etwa einem Brillenglasunterschied von 1,5–2,0 D. Da die Toleranz individuell variiert, sollte sie mit Testgläsern pro Fall überprüft werden1).
Die folgenden drei Behandlungsmöglichkeiten sind typisch:
Zylinderstärke reduzieren: Die Hälfte der Zylinderstärke wird zur Sphäre addiert, um den Kreis der geringsten Verwirrung konstant zu halten (z. B. Änderung von −1,00 D = −cyl 2,50 D A135° zu −1,50 D = −cyl 1,50 D A135°)
Achse verschieben: Eine Verschiebung in Richtung 90° oder 180° reduziert die Scherungsdisparität. Da der Restastigmatismus zunimmt, sollte die Achsverschiebung auf 15° oder weniger begrenzt werden
Hornhautscheitelabstand verkürzen: Das Brillengestell näher ans Gesicht bringen verringert den Vergrößerungseffekt
Wird zur Korrektur von Strabismus und Doppelbildern eingesetzt. Der Bereich, der mit eingeschliffenen Prismen abgedeckt werden kann, hängt von der Linsenstärke ab, liegt aber in der Regel bei etwa 5–10 Δ; darüber hinaus sollte ein Fresnel-Folienprisma in Betracht gezogen werden. Bei Fresnel-Folienprismen über 10 Δ ist auf eine durch Aberrationen verursachte Sehverschlechterung zu achten1). Das Rezept muss Prismenart, -stärke und Basisrichtung angeben.
Bei der Brillenkorrektur hochmyoper Augen kommt es zu einer Bildverkleinerung. Im Vergleich zu Kontaktlinsen (KL) nehmen bei weichen KL die höheren Aberrationen zu, bei harten KL wird die Sehschärfe durch Linsenbewegungen instabil. Brillen haben einen scheinbaren Akkommodationseffekt und prismatische Wirkung, die besonders ab dem mittleren Lebensalter wirksam sind.
Hinweise zur Brillenverordnung bei hoher Myopie (−6 D oder mehr)1):
Hornhautscheitelabstand-Effekt: Eine Vor- oder Rückwärtsbewegung der Brille verändert die effektive Stärke. Bei hoher Myopie hat bereits eine geringe Änderung des Hornhautscheitelabstands einen großen Einfluss
Bildverkleinerung: Starke Zerstreuungslinsen verkleinern das Bild, sodass Objekte kleiner und weiter entfernt erscheinen. Besonders zu Beginn des Tragens einer neuen Brille ist beim Gehen und Erkennen von Stufen Vorsicht geboten
Prismeneffekt: Bei konkaven Linsen tritt ein Prismeneffekt auf, wenn nicht durch die Mitte geschaut wird. Die korrekte Anpassung der Brille ist wichtig.
Wahl dünner Gläser: Hochbrechende Gläser (1,74–1,76) reduzieren die Dicke und verbessern Aussehen und Gewicht.
Überlegungen zur Brillenverordnung bei verschiedenen Augenerkrankungen
Der Leitfaden zur Brillenverordnung bei Erwachsenen (2025) beschreibt die Verordnung bei Augenerkrankungen ausführlich1).
Hornhauterkrankungen (z. B. Keratokonus): Bei leichten Fällen, die nicht mit RGP-Linsen versorgt werden können, können sphärische Brillengläser nützlich sein. Irregularer Astigmatismus kann mit einer Brille nicht korrigiert werden.
Pseudophakie: Nach Kataraktoperation kann es aufgrund der IOL-Stärkenberechnung zu einem residualen Refraktionsfehler kommen. Axiale Hyperopie oder Myopie wird mit Einstärkenbrillen oder Gleitsichtgläsern korrigiert.
Netzhauterkrankungen (AMD, RP usw.): Bei Sehbehinderung zielt die Verordnung auf die Maximierung der Sehfunktion ab, ggf. in Kombination mit getönten Gläsern oder Lupen.
Kostenübernahme für therapeutische Brillen bei kindlicher Amblyopie
Bei Kindern unter 9 Jahren, die aufgrund von Amblyopie, Strabismus oder nach angeborener Kataraktoperation eine Brille oder Kontaktlinsen benötigen, kann der Krankenversicherer die Kosten übernehmen, wenn der Arzt dies verordnet11). Der Betrag wird zunächst vollständig selbst gezahlt und später auf Antrag erstattet. Die Obergrenze der Erstattung beträgt 40.492 Yen (ab April 2024; Obergrenze kann geändert werden), und innerhalb dieses Rahmens wird der Betrag entsprechend dem Eigenanteil der jeweiligen Krankenkasse erstattet. Für Kontaktlinsen ist die Obergrenze pro Stück separat festgelegt und niedriger als bei Brillen. Okklusionspflaster und Fresnel-Folienprismen sind von der Erstattung ausgeschlossen. Eine erneute Leistung setzt voraus, dass bei Kindern unter 5 Jahren seit der letzten Leistung mindestens 1 Jahr und bei Kindern ab 5 Jahren mindestens 2 Jahre vergangen sind. Der Antrag erfordert das Antragsformular für Behandlungsleistungen, eine Kopie der Anweisung zur Herstellung therapeutischer Sehhilfen (Brillenrezept) durch den kassenärztlichen Augenarzt und die Quittung über die gekaufte therapeutische Sehhilfe. Ein Teil des Eigenanteils kann über die medizinische Kinderkostenhilfe der Kommune erstattet werden, wobei die Details je nach Kommune variieren. Die neuesten Bestimmungen sollten bei der jeweiligen Krankenkasse erfragt werden.
Bei Kindern oder wenn das Sehvermögen eines Auges besonders wichtig ist, sollte der Augenarzt unter Berücksichtigung der Lebensumstände und des Verletzungsrisikos über das Glasmaterial und die Notwendigkeit einer Schutzbrille beraten. Die Schlagfestigkeit und Eignung der Materialien sind anhand der Produktnormen und des Verwendungszwecks zu wählen.
Ablauf der Untersuchung zur Brillenverordnung (Erwachsene, ausführlich)
Der ambulante Untersuchungsablauf basiert auf dem Leitfaden zur Sehprüfung und Brillenverordnung bei Erwachsenen (2025)1).
Erfassen der Nutzung: Detaillierte Erhebung der Nutzungssituationen und Sehentfernungen wie Autofahren, Bildschirmarbeit (Monitorabstand 40–80 cm), Smartphone (30–40 cm), Musizieren (Notenabstand 50–70 cm), Naharbeit (ca. 30 cm) usw.
Überprüfung der vorhandenen Brille: Messung der Stärke und des Prismas der aktuellen Brille mit einem Lensmeter. Erfragen von Trageverhalten, Zufriedenheit und Unzufriedenheit.
Objektive Refraktionsbestimmung: Messung von Sphäre, Zylinderstärke und Achse mit einem Autorefraktometer. Die Messung wird mindestens dreimal durchgeführt, um die Reproduzierbarkeit zu überprüfen.
Subjektive Refraktionsbestimmung: Verfeinerung mit Phoropter oder Probiergestell in der Reihenfolge Sphäre → Zylinderstärke → Achse. Ziel ist MPMVA (maximales Plus für beste Sehschärfe).
Akkommodationstest: Beurteilung der Akkommodationsfähigkeit. Wird zur Berechnung der Nahzusatzstärke verwendet. Bei Akkommodationsrückstand wird ein Nahzusatz in Betracht gezogen.
Sehschärfenmessung: Dokumentation der korrigierten Sehschärfe für die Ferne und für die Nähe (33 cm).
PD-Messung (Pupillendistanz): Genaue Messung der Fern-PD und Nah-PD. Ein Fehler in der PD führt zu einem Prismenfehler.
Erstellung des Rezepts: Angabe von Sphäre, Zylinder, Achse, Addition, Prisma, PD und Scheitelabstand.
Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Verdacht auf latente Hyperopie sind Zykloplegika wichtig 3).
Medikament
Konzentration
Applikationsmethode
Eigenschaften
Cyclopentolathydrochlorid
Vom Augenarzt festgelegt
1 Tropfen in jedes Auge → nach 5 Minuten erneut 1 Tropfen → Untersuchung nach 45 Minuten
Wird allgemein bei Kindern ohne Innenschielen verwendet.
Atropinsulfat
Vom Augenarzt festgelegt
1–3× täglich in beide Augen für 5 Tage → Untersuchung beim nächsten Termin
Wird bei Strabismus convergens verwendet. Auch bei starkem Astigmatismus sollte es angewendet werden, da die Astigmatismusachse präzise bestimmt werden kann. Wird auch verwendet, wenn eine Brille bei Amblyopie aufgrund von erworbener Esotropie oder Hyperopie für notwendig erachtet wird
Tropicamid
Vom Augenarzt festgelegt
1 Tropfen in jedes Auge → Untersuchung nach 20–30 Minuten
Die zykloplegische Wirkung ist relativ schwach; wird manchmal bei Patienten ab der Mittelstufe (ca. 13–15 Jahre) angewendet
Zykloplegika haben Nebenwirkungen und eine bestimmte Wirkdauer. Bei Atropinsulfat wurden Fieber und Gesichtsrötung, bei Cyclopentolathydrochlorid Schläfrigkeit berichtet. Daher sind die Anweisungen und Erklärungen des Augenarztes zu befolgen 3).
QHeilt eine Brille zur Myopiekontrolle die Kurzsichtigkeit?
A
Eine Brille zur Myopiekontrolle heilt die Kurzsichtigkeit nicht, sondern verlangsamt ihr Fortschreiten. Für MiYOSMART® und Essilor® Stellest® wurde in zweijährigen klinischen Studien eine durchschnittliche Verlangsamung des Myopiefortschritts von 55–59 % berichtet 2). Ein Rebound-Effekt nach Absetzen wurde nicht berichtet, und die Brille kann jederzeit aus beliebigem Grund abgesetzt werden. Der Behandlungszeitraum endet in der Regel mit 18±2 Jahren; die Behandlung wird fortgesetzt, bis das Myopiefortschreiten stabil ist. Wenn bei halbjährlichen Kontrolluntersuchungen zweimal hintereinander keine Änderung der Refraktion oder der Achsenlänge festgestellt wird, kann ein Absetzen in Betracht gezogen werden 2).
6. Pathophysiologie und detaillierter Entstehungsmechanismus
Da Brillengläser in einem Abstand zum Hornhautscheitel angebracht werden, erscheint das Bild je nach Stärke vergrößert (Konvexlinse) oder verkleinert (Konkavlinse). Konvexlinsen ziehen nahe Objekte innerhalb der Brennweite und verschieben den Fokus bei hyperopen Augen von hinter der Netzhaut auf die Netzhaut. Konkavlinsen divergieren parallele Lichtstrahlen und verschieben den Fokus bei myopen Augen von vor der Netzhaut nach hinten auf die Netzhaut.
Bei einer Sehstärkendifferenz zwischen den Augen führt eine Vollkorrektion mit einer Brille zu einem Größenunterschied der Bilder zwischen beiden Augen (Aniseikonie). Konvexe Linsen vergrößern, konkave Linsen verkleinern, und mit zunehmendem Scheitelabstand nimmt der Vergrößerungseffekt zu. Zylinderlinsen zur Astigmatismuskorrektur verursachen eine meridionale Aniseikonie, bei der die Vergrößerung je nach Meridianrichtung unterschiedlich ist.
Bei der Presbyopie führt die verminderte Elastizität der Linse zu einer unzureichenden Akkommodationsfähigkeit, sodass das Auge nicht mehr auf nahe Objekte fokussieren kann. Die Addition (Add) gleicht das Akkommodationsdefizit durch eine zusätzliche Konvexlinse im Nahbereich aus. Sie wird nicht pauschal nach Alter festgelegt, sondern unter Berücksichtigung der Arbeitsentfernung und der verbleibenden Akkommodationsfähigkeit angepasst1).
Physiologie der Akkommodation und Akkommodationslähmung
Die Akkommodation erfolgt durch Kontraktion des Ziliarmuskels, Erschlaffung der Zonulafasern und Wölbung der Linse. Die Akkommodationsfähigkeit nimmt mit dem Alter ab; zur Kompensation der für das Nahsehen erforderlichen Akkommodation werden Presbyopiebrillen oder Gleitsichtgläser mit Addition verwendet1).
Der Akkommodationsrückstand (Near Lag) bezeichnet einen Zustand, bei dem der tatsächliche Fokus hinter der Fixationsentfernung liegt, insbesondere bei jungen Myopen. Es wird angenommen, dass ein hyperoper Defokus in der Netzhautperipherie ein Signal zur Verlängerung der Augenachse darstellt und so die Myopieprogression fördert. Myopiemanagement-Brillen (Multisegmentgläser) wandeln diesen peripheren Defokus in einen myopen um und hemmen so die Verlängerung der Augenachse8).
Der Hauptmechanismus der Myopieprogression ist die Verlängerung der Augenachse (achsiale Myopie). Eine Verlängerung der Augenachse um 1 mm führt zu einer Änderung des Refraktionsfehlers um etwa −2,5 bis −3,0 dpt. Die Verlängerung der Augenachse erfolgt hauptsächlich durch Dehnung der Sklera, wobei angenommen wird, dass Defokussignale der Netzhaut das Augenwachstum regulieren9). Die Studie von Bullimore et al. zeigte, dass eine Verlangsamung der Myopieprogression um 1 dpt das zukünftige Risiko für Sehbehinderung und pathologische Myopie signifikant reduziert7), sodass selbst eine geringe Verlangsamung der Myopieprogression langfristig von großer Bedeutung ist.
Myopiemanagement-Brillen (Multisegmentgläser) verfügen über ein optisches Design, das den peripheren Defokus kontrolliert. Die DIMS-Technologie (MiYOSMART®) und die HALT-Technologie (Stellest®) sollen durch die Erzeugung eines myopen Defokus in der Netzhautperipherie ein Signal zur Hemmung der Achsenverlängerung senden. Das Design ermöglicht eine gute zentrale Sehschärfe mit voller Korrektion bei gleichzeitiger Defokuskontrolle im peripheren Sehen2).
Wirksamkeitsnachweise für Myopiemanagement-Brillen:
MiYOSMART® (HOYA, DIMS-Technologie): 2-jährige RCT zeigte eine Hemmung der sphärischen Äquivalentprogression um 52% und der Achsenlängenverlängerung um 62%5)
Essilor Stellest® (Nikon-Essilor, HALT-Technologie): 2-jährige RCT zeigte eine Hemmung der sphärischen Äquivalentprogression um 67% (Tragezeit ≥12 Stunden/Tag)6)
Ein Rebound-Effekt nach Absetzen der Brille wurde nicht berichtet; sie kann jederzeit abgesetzt werden. Als Richtwert für das Absetzen gilt ein Alter von 18±2 Jahren oder zwei aufeinanderfolgende Visiten im Abstand von 6 Monaten ohne Änderung von Refraktion und Achsenlänge2)
Im Gegensatz zu Kontaktlinsen bildet sich bei Brillengläsern kein Tränenflüssigkeitsfilm. Daher kann ein irregulärer Astigmatismus mit einer Brille nicht korrigiert werden; es sind RGP-Linsen oder Sklerallinsen erforderlich.
Der Leitfaden zur Sehprüfung und Brillenverordnung bei Erwachsenen (2025) betont die Anpassung der Brille als Teil der Verordnung1). Folgende Kontrollpunkte für die Anpassung in der Praxis werden genannt:
Hornhautscheitelabstand (BVD): Normalerweise 12–14 mm. Eine Verkürzung verändert die Vergrößerung/Wirkung von Plus- und Minusgläsern.
Vorneigungswinkel: Vertikaler Winkel der Fassung. Ein größerer Vorneigungswinkel erhöht den Astigmatismus.
Pupillendistanz (PD) und Abweichung des optischen Zentrums: Prismatische Fehler können Doppelbilder und Asthenopie verursachen.
Höhe der Nasenpads und Breite der Fassung: Ein Verrutschen während des Tragens verändert die optische Wirkung.
Eine Zusammenarbeit mit einem staatlich geprüften Brillenmacher wird empfohlen. Für myopiekontrollierende Brillen wird ein Brillenmacher als Hersteller bevorzugt2).
Die weltweite Myopie-Population wird voraussichtlich von 1,3 Milliarden im Jahr 2000 auf 4,9 Milliarden (darunter 0,94 Milliarden mit hoher Myopie) im Jahr 2050 ansteigen 4). Derzeit werden in den Leitlinien zwei Produkte empfohlen: MiYOSMART® und Essilor® Stellest®; MYOGEN®, MyoCare® und DOT-Linsen sollen bei der nächsten Überarbeitung neu bewertet werden 2). Bullimore et al. zeigten, dass eine Verlangsamung der Myopieprogression um 1 D das zukünftige Risiko einer Sehbehinderung signifikant reduziert 7).
Entwicklung des Systems der Brillenherstellungsfachkräfte
Zur Standardisierung der Fassungsanpassung wurde ein System der Brillenherstellungsfachkräfte (staatliche Qualifikation) etabliert. Die Leitlinie für Myopie-Management-Brillen empfiehlt, dass Brillenherstellungsfachkräfte die Myopie-Management-Brillen anfertigen sollten 2).
Die Prävalenz hoher Myopie bei Mittelschülern beträgt 11,3 % und übersteigt damit die 8,2 % bei Erwachsenen 2), was die zunehmende Schwere der Myopie bei jungen Menschen zu einem Problem der öffentlichen Gesundheit macht. Der natürliche Verlauf der Myopie wird im IMI (International Myopia Institute) Digest 2023 umfassend zusammengefasst 8). Ein aktives Myopie-Management ab dem Schulalter ist erforderlich.
Die Prävalenz von Refraktionsfehlern variiert stark je nach Alter, Region und Definition. Kempen et al. schätzten die Prävalenz von Myopie (sphärisches Äquivalent ≤ −1 D) bei Personen ab 40 Jahren auf 25,4 % in den USA, 26,6 % in Westeuropa und 16,4 % in Australien, Hyperopie (+3 D oder mehr) auf 9,9 % in den USA, 11,6 % in Westeuropa und 5,8 % in Australien, und für Refraktionsfehler insgesamt wurde sie in den USA und Westeuropa auf etwa ein Drittel und in Australien auf etwa ein Fünftel geschätzt10).
Evolution individuell gestalteter Linsen und Gleitsichtlinsen
Linsenhersteller entwickeln Gleitsichtdesigns, die auf Kurz- und Mittelentfernungen für HMDs (Head-Mounted Displays) und Smartphones spezialisiert sind. Bei individuell gestalteten Linsen unter Berücksichtigung von Wellenfrontaberrationen werden Rahmenform, Scheitelabstand, Neigungswinkel und Pupillenhöhe gemessen und das Design an die Tragebedingungen angepasst. Überlegungen zur Aniseikonie bei der Verordnung von Brillen bei Anisometropie und die Prinzipien der Additionseinstellung bei Presbyopie sind im Leitfaden zur Erwachsenen-Brillenverordnung zusammengefasst 1).
Holden BA, Fricke TR, Wilson DA, et al. Global prevalence of myopia and high myopia and temporal trends from 2000 through 2050. Ophthalmology. 2016;123(5):1036-1042. doi:10.1016/j.ophtha.2016.01.006. PMID:26875007.
Lam CSY, Tang WC, Tse DY, Lee RPK, Chun RKM, Hasegawa K, et al. Defocus Incorporated Multiple Segments (DIMS) spectacle lenses slow myopia progression: a 2-year randomised clinical trial. The British journal of ophthalmology. 2020;104(3):363-368. doi:10.1136/bjophthalmol-2018-313739. PMID:31142465; PMCID:PMC7041503.
Bao J, Huang Y, Li X, Yang A, Zhou F, Wu J, et al. Spectacle Lenses With Aspherical Lenslets for Myopia Control vs Single-Vision Spectacle Lenses: A Randomized Clinical Trial. JAMA ophthalmology. 2022;140(5):472-478. doi:10.1001/jamaophthalmol.2022.0401. PMID:35357402; PMCID:PMC8972151.
Bullimore MA, Brennan NA. Myopia Control: Why Each Diopter Matters. Optometry and vision science : official publication of the American Academy of Optometry. 2019;96(6):463-465. doi:10.1097/OPX.0000000000001367. PMID:31116165.
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