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Kinderophthalmologie und Schielen

Hallermann-Streiff-Syndrom

Das Hallermann-Streiff-Syndrom (HSS) ist ein sehr seltenes angeborenes Syndrom, das durch charakteristische kraniofaziale Merkmale, angeborenen Katarakt, Mikrophthalmie, Hypotrichose, Hautatrophie und proportionierte Minderwuchs gekennzeichnet ist. Es wird auch als oculo-mandibulo-faziales Syndrom bezeichnet.

Nachdem Aubry im späten 19. Jahrhundert darüber diskutierte, wurde es 1948 von Hallermann und 1950 von Streiff als eigenständige Erkrankung beschrieben. Es handelt sich um eine seltene Erkrankung mit weltweit etwa 200 berichteten Fällen. 1) Es gibt keine Geschlechterunterschiede, und die meisten Fälle treten als sporadische Mutationen auf. Es wurde ein Fall von eineiigen Zwillingen berichtet, bei dem beide Kinder betroffen waren. 1)

Das verantwortliche Gen wurde noch nicht identifiziert; eine Beteiligung des GJA1-Gens wird aufgrund phänotypischer Unterschiede ausgeschlossen. Eine Entwicklungsstörung des zweiten Kiemenbogens wird als Grundlage der kraniofazialen Anomalien angesehen.

Q Ist das für diese Krankheit verantwortliche Gen identifiziert?
A

Das verantwortliche Gen wurde noch nicht identifiziert. Analysen mittels Next-Generation-Sequencing (WES/WGS) werden durchgeführt, haben aber bisher zu keiner Identifizierung geführt. 1) Die meisten Fälle treten als sporadische Mutationen auf, es gibt jedoch auch wenige Berichte über familiäres Auftreten über zwei bis drei Generationen.

  • Sehverschlechterung: Hauptsächlich verursacht durch angeborenen Katarakt und hohe Weitsichtigkeit bei Mikrophthalmie
  • Atembeschwerden: Obstruktive Schlafapnoe aufgrund von oberen Atemwegsstenosen und Zurückfallen des Zungengrunds
  • Fütterungsschwierigkeiten: Saugstörungen aufgrund von Mikrognathie und hohem Gaumen

Die von François vorgeschlagenen sieben Hauptmerkmale dienen als diagnostische Kriterien.

Kraniofaziale und systemische Befunde

Schädel dysplasie: Brachyzephalie, verzögerter Fontanellenschluss, unvollständige Ossifikation, leichte Mikrozephalie

Zahnanomalien: Fehlende Zähne, Zahnfehlbildungen, offener Biss, häufige Karies

Proportionierter Kleinwuchs: Körpergröße und -gewicht proportional vermindert

Hypotrichose: Verminderter Haarwuchs auf Kopfhaut, Augenbrauen und Wimpern

Hautatrophie: Besonders am Kopf und um die Nase erkennbar

Gesicht: schmale Adlernase, Mikrognathie, hoher Gaumen

Augenbefunde (ca. 90%)

Beidseitiger angeborener Katarakt: Kann spontan resorbiert (verflüssigt) werden, aber die verbleibende Linse kann ein Entzündungsherd sein1)

Mikrophthalmus: Hornhautdurchmesser 7–7,75 mm, Achsenlänge 9–10 mm. Zeigt hochgradige Hyperopie (+36 bis +38 D)1)

Glaukom: Pupillarblock-Typ und Winkelblock-Typ. Ursache ist eine flache Vorderkammer aufgrund einer kurzen Augenachse1)2)

Exsudative Netzhautablösung: Es gibt Berichte über beidseitiges Auftreten nach Kataraktoperation1)

Hornhautanomalien: Hornhauttrübung (5 von 6 berichteten Fällen), Hornhautverkalkung, Descemetozele → Perforation1)2)

Blaue Sklera: In allen Quadranten nachweisbar, AS-OCT zeigt eine Verdünnung der Sklera2)

Sonstiges: Chronische Uveitis (1–2+ Flare), Nystagmus, Strabismus, Kolobom der Konjunktiva1)

Kardiovaskuläre Komplikationen: VSD, ASD, Fallot-Tetralogie, Pulmonalklappenstenose, PDA, Aortenstenose wurden berichtet.3)

Sims et al. (2023) berichteten über einen Fall von eineiigen Zwillingen (weiblich, 32. Schwangerschaftswoche).1) Beide Kinder wiesen alle sieben Hauptmerkmale nach François auf und wurden aufgrund einer resorbierenden Katarakt einer Linsenentfernung mit nahezu vollständiger Kapsulektomie unterzogen. Beide Zwillinge entwickelten eine bilaterale exsudative Netzhautablösung; bei Zwilling 2 wurde aufgrund einer Perforation einer Descemetozele eine perforierende Keratoplastik durchgeführt. Der endgültig korrigierte Visus betrug bei Zwilling 1 20/260 und 20/130, bei Zwilling 2 20/130.

Q Kann die Katarakt beim Hallermann-Streiff-Syndrom ohne Operation von selbst verschwinden?
A

Die spontane Resorption (Verflüssigung) des Katarakts wurde berichtet, aber verbliebenes Linsenmaterial kann zu chronischer Entzündung und Glaukom führen. 1) Ein frühzeitiger chirurgischer Eingriff wird zur Prävention von Amblyopie und zur Vermeidung von Komplikationen empfohlen.

Das verantwortliche Gen für HSS wurde noch nicht identifiziert, und auch die Next-Generation-Sequenzierung hat keine Aufklärung gebracht. 1) Als Pathomechanismen werden folgende vermutet:

  • Entwicklungsstörung des zweiten Kiemenbogens: Grundlage der kraniofazialen Anomalien
  • Kollagenanomalie der Sklera: Im Elektronenmikroskop werden ausgefranste Kollagenfasern beobachtet 1)
  • Allgemeine Abnahme der Glykosaminoglykane und unzureichende Sulfatierung: Ursache für die Schwäche von Hornhaut und Sklera 1)

Die meisten Fälle treten als sporadische Mutation auf, es gibt jedoch auch Berichte über familiäres Auftreten über 2–3 Generationen. 2)

Die Diagnose erfolgt in der Regel klinisch basierend auf den 7 Hauptkriterien nach François. Ein spezifischer Gentest ist nicht etabliert.

Augenärztliche Beurteilung:

  • Spaltlampenmikroskopie: Beurteilung der Kataraktmorphologie, Hornhauttrübung und Vorderkammertiefe
  • Ultraschall-B-Mode- und Achslängenmessung: quantitative Beurteilung des Mikrophthalmus
  • AS-OCT (Vorderabschnitts-OCT): Darstellung der Skleraverdünnung 2)

Systemische Beurteilung: MRT (Beurteilung von Corpus-callosum-Anomalien und Atemwegen), Echokardiographie (Screening auf angeborene Herzerkrankungen), Polysomnographie (Beurteilung von Schlafapnoe)

Bei Patienten mit nur leichten Gesichtsanomalien kann die Diagnose verzögert werden. Bei einem 68-jährigen Patienten, bei dem erstmals HSS diagnostiziert wurde, war die Entdeckung einer blauen Sklera während einer Kataraktoperation der Auslöser für die Diagnose. 2)

ErkrankungGemeinsame BefundeUnterscheidungsmerkmale zum HSS
Hutchinson-Gilford-ProgerieKleinwuchs, HautatrophieFrühe Arteriosklerose, Lipoatrophie, keine Augensymptome
Wiedemann-Rautenstrauch-SyndromKleinwuchsKeine angeborene Katarakt, keine Mikrophthalmie
Treacher-Collins-SyndromGesichtsdysmorphieVorwiegend Ohranomalien und Unterlidkolobom, TCOF1-Mutation
Okulodentodigitale Dysplasie (ODDD)GesichtsanomalieSyndaktylie vorhanden, identifizierbar durch GJA1-Mutation

Ein multidisziplinärer Ansatz (Augenheilkunde, plastische Chirurgie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Anästhesiologie, Zahnmedizin, Pädiatrie) ist unerlässlich.

Kataraktmanagement

Frühzeitige Operation: Um einer Amblyopie vorzubeugen, wird eine frühzeitige Linsenentfernung durchgeführt, ohne auf eine spontane Resorption zu warten.

Operationsmethode: Entfernung der Linse + nahezu vollständige Kapsulektomie wird empfohlen. Denn verbliebenes Linsenmaterial kann Entzündungsherde für Uveitis und Glaukom bilden. 1)

Postoperative Korrektur: Aufgrund schwerer Mikrokornea und Mikrophthalmie ist die Implantation einer Intraokularlinse schwierig. Die Refraktionskorrektur erfolgt mit einer Brille für Aphakie (+36 bis +38 Dioptrien). 1)

Glaukom- und Hornhautmanagement

Medikamentöse Therapie: Kombination von Timolol, Cosopt, Latanoprost und oralem Acetazolamid 1)

Endoskopische Zyklophotokoagulation (ECP): Eine Durchführung über 6 Stunden wurde berichtet 1)

Aufhebung des Kammerwinkelverschlusses: Durchführung einer Goniosynechiolyse (GSL) 2)

Hornhautverkalkung: Behandlung mit EDTA-Chelat-Therapie 2)

Hornhaut-Descemetozelen-Perforation: Durchführung einer lokalen perforierenden Keratoplastik. Postoperativ blieb die korrigierte Sehschärfe 20/130 für 1 Jahr und 3 Monate erhalten. 1)

Management der postoperativen Entzündung: Bei persistierender Vorderkammerentzündung nach Kataraktoperation kann eine Fibrinolyse durch Injektion von tPA (Gewebe-Plasminogen-Aktivator) in die Vorderkammer versucht werden. 2)

Exsudative Netzhautablösung: Es gibt Berichte über ein schlechtes Ansprechen auf orales Prednisolon. 1) Das Management erfordert eine individuelle Anpassung an den jeweiligen Fall.

Atemwegsmanagement: Bei schwerer obstruktiver und zentraler Schlafapnoe kann eine Tracheotomie erforderlich sein (Berichtete Fälle: Twin1 im Alter von 3 Monaten, Twin2 im Alter von 10 Monaten). 1)

Q Warum wird nach einer Kataraktoperation keine Intraokularlinse eingesetzt?
A

Bei HSS kann aufgrund schwerer Mikrokornea und Mikrophthalmie (Hornhautdurchmesser 7–7,75 mm, Achsenlänge 9–10 mm) kein Platz für die Insertion einer Intraokularlinse geschaffen werden. 1) Postoperativ bleibt das Auge aphak, und die Refraktionskorrektur erfolgt mit einer speziellen Brille für hochgradige Hyperopie (+36 bis +38 D).

6. Pathophysiologie und detaillierter Pathomechanismus

Abschnitt betitelt „6. Pathophysiologie und detaillierter Pathomechanismus“

Es wird angenommen, dass die vielfältigen ophthalmologischen Komplikationen bei HSS auf einer gemeinsamen Grundlage von Kollagenanomalien in Sklera und Hornhaut beruhen.

Kollagen-Matrix-Anomalie: Im Elektronenmikroskop werden ausgefranste Kollagenfasern beobachtet, und eine allgemeine Abnahme der Glykosaminoglykane sowie unzureichende Sulfatierung führen zu einer Schwächung von Sklera und Hornhaut. 1)

Mechanismus der blauen Sklera: Durch Verdünnung und Störung der Faserstruktur des Sklerakollagens wird die darunterliegende Aderhaut sichtbar, was eine bläuliche Färbung verursacht. Die Skleraverdünnung kann mittels AS-OCT objektiv bestätigt werden. 2)

Mechanismus der exsudativen Netzhautablösung: Es wird angenommen, dass eine gestörte transsklerale Abfluss des intraokularen Flüssigkeit aufgrund einer Kollagenanomalie der Sklera zu einer venösen Stauung in der Aderhaut führt, was eine exsudative Netzhautablösung verursacht. 1)

Kaskade von Katarakt und Entzündung: Ein angeborener Katarakt kann sich spontan verflüssigen, aber zurückbleibendes Linsenmaterial dient als Nidus für chronische Entzündungen und führt zu anhaltender Uveitis und Glaukom. 1) Bei persistierender Entzündung nach Kataraktoperation wird eine Überempfindlichkeitsreaktion auf Linsenmaterial vermutet. 2)

Mechanismus des Winkelblocks: Eine flache Vorderkammer aufgrund einer kurzen Augenachse (9–10 mm) führt zu einem Winkelblock und verursacht Glaukom. 2)

Mechanismus des Descemetozele: Es wird angenommen, dass ein Descemetozele durch chronischen Stress auf die geschwächten Hornhautstromazellen entsteht, der durch eine stromale Verdünnung infolge von Steroid-Augentropfen verstärkt wird. 1)


7. Aktuelle Forschung und zukünftige Perspektiven (Forschungsberichte)

Abschnitt betitelt „7. Aktuelle Forschung und zukünftige Perspektiven (Forschungsberichte)“

Aufklärung der genetischen Grundlagen: Die molekularen und genetischen Grundlagen des HSS sind noch ungeklärt, und es werden fortlaufende Forschungen mittels Next-Generation-Sequencing durchgeführt. 1) Die Identifizierung der ursächlichen Gene wird voraussichtlich zu einer verbesserten Diagnosegenauigkeit und zukünftigen Therapieentwicklungen führen.

Lymphdrainage-Therapie bei Nasenverstopfung: Es wurde ein Fall berichtet, bei dem eine Gesichtslymphdrainage während der Behandlung von Lymphödemen der unteren Extremitäten zufällig zu einer vollständigen Auflösung der Nasenverstopfung führte, was auf eine Beteiligung des Lymphsystems und neue Behandlungsmöglichkeiten hindeutet. 3)

Systematisierung der multidisziplinären Betreuung nach Lebensphasen: Bei diesem Syndrom mit Anomalien in mehreren Organen und Geweben wird die Entwicklung umfassender Behandlungspläne für jede Phase von der Neugeborenenzeit bis zum Erwachsenenalter als wichtige Herausforderung angesehen. 2)


  1. Sims DT, Mattson NR, Huang LC, et al. Hallermann-Streiff syndrome in concordant monozygotic twins with congenital cataracts, exudative retinal detachments, and one case of corneal perforation requiring keratoplasty. Cornea. 2023;42(7):899-902.
  2. Shimada A, Takayanagi Y, Ichioka S, Ishida A, Tanito M. Hallermann-Streiff syndrome diagnosed in the seventh decade of life. Am J Ophthalmol Case Rep. 2022;27:101595.
  3. Godoy ACS, Godoy HJP, Godoy JMP. Hallermann-Streiff Syndrome and Lower Limb Lymphedema with Nasal Obstruction. Case Rep Med. 2022;2022:1520880.

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