Das Parinaud-Syndrom, auch dorsales Mittelhirnsyndrom genannt, ist ein Syndrom, das durch eine Läsion im dorsalen Mittelhirn verursacht wird. Die Hauptbefunde sind die Pupille des Tectums (Licht-Nah-Dissoziation) und vertikale Blickparese (insbesondere Störung der vertikalen Sakkaden nach oben).
Die Pupille des Tectums ist eine Pupillenanomalie, die durch eine Schädigung des Lichtreflexwegs im Bereich des Tectums (pretectale Region) und der hinteren Kommissur aufgrund einer dorsalen Mittelhirnläsion entsteht. Als Ursache ist der Pinealistumor bekannt, macht jedoch tatsächlich nur einen kleinen Teil der Fälle aus.
Die Bestandteile dieses Syndroms umfassen die folgenden sechs Punkte.
Pupillenlichtreflex (Licht-Nah-Dissoziation): Verlust des Lichtreflexes bei erhaltenem Nahreflex
Vertikale Blickparese: Besonders Störung der vertikalen Sakkaden nach oben
Konvergenzlähmung: Die Konvergenzbewegung beim Nahesehen ist gestört
Konvergenzretraktionsnystagmus (Vergenz-Retraktions-Nystagmus): Charakteristischer Befund mit Zurückweichen beider Augen beim Versuch, nach oben zu blicken
Collier-Zeichen: beidseitige Lidretraktion bei Geradeaus- oder Aufwärtsblick
In einer 25-Jahres-Übersicht über 40 erwachsene Fälle wurde berichtet, dass eine vertikale Blickparese bei allen Patienten auftrat, die vollständige Trias inklusive Konvergenzretraktionsnystagmus und dissoziierter Pupillenreaktion jedoch nur bei 65% vorlag, sodass nicht immer alle Befunde vorhanden sind1.
Bei Verschluss des Aquädukts kann eine Stauungspapille auftreten; dies wird als Aquäduktsyndrom (sylvian aqueduct syndrome) bezeichnet.
QSind das Parinaud-Syndrom und das Aquäduktsyndrom dieselbe Erkrankung?
A
Grundsätzlich bezeichnen sie dasselbe Syndrom, werden aber streng genommen manchmal unterschieden. Das Aquäduktsyndrom bezeichnet einen Zustand, bei dem zusätzlich zu den Befunden des Parinaud-Syndroms eine intrakranielle Drucksteigerung und eine Stauungspapille durch einen Verschluss des Aquädukts vorliegen. Das Vorhandensein oder Fehlen einer Stauungspapille ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal.
Verschwinden des Lichtreflexes: Die Lichtreflexbahn wird durch eine Schädigung des prätektalen Bereichs und der hinteren Kommissur unterbrochen
Erhalt der Nahreaktion: Die Fasern der Nahreaktion verlaufen ventraler als der Lichtreflexweg und sind daher weniger anfällig für Schäden, was zu einer Licht-Nah-Dissoziation führt.
Mittelweite Mydriasis: Anfangs kann die Pupillengröße normal sein, aber allmählich kommt es zu einer beidseitigen mittelweiten Mydriasis.
Vertikale Blickparese: Besonders die sakkadischen Augenbewegungen nach oben sind gestört. Der Blick nach unten bleibt oft relativ erhalten.
Konvergenz-Rücknystagmus: Beim Versuch, nach oben zu blicken, kommt es zu einer beidseitigen Rückwärtsbewegung der Augen und nystagmusartigen Bewegungen. Dieses Zeichen ist charakteristisch für das Parinaud-Syndrom.
Konvergenzlähmung: Die beidseitige Adduktion (Konvergenz) der Augen beim Nahsehen ist gestört.
Collier-Zeichen (Lidretraktion): Beidseitige Lidretraktion beim Geradeaus- oder Aufwärtsblick. Ursache ist eine Enthemmung des Lidhebers aufgrund einer Läsion der hinteren Kommissur.
Skew deviation: Vertikale Augenfehlstellung. Ein Auge ist nach oben, das andere nach unten abgewichen
Stauungspapille: Tritt bei erhöhtem intrakraniellem Druck infolge eines Verschlusses des Aquädukts auf
QWas versteht man unter Konvergenz-Rücknystagmus?
A
Beim Versuch, nach oben zu blicken, kommt es zu einer gleichzeitigen Kontraktion des Musculus rectus lateralis, wodurch beide Augen in die Orbita zurückweichen und eine nystagmusartige schnelle Bewegung zeigen. Es wird angenommen, dass dies durch eine abnorme Aktivierung des Konvergenzsystems beim Versuch, nach oben zu blicken, verursacht wird. Dies ist ein charakteristischer Befund des Parinaud-Syndroms, und die Beobachtung mit der Spaltlampe oder dem Video-Nystagmographen ist für die Diagnose hilfreich.
Die Ursachen des Parinaud-Syndroms sind vielfältig. Jede Läsion, die die hintere Kommissur, die prätektale Region oder den dorsalen Mittelhirnbereich komprimiert oder direkt schädigt, kann ursächlich sein.
Pinealistumoren: Häufig bei jungen Menschen, bekannteste Ursache des Parinaud-Syndroms. Germinom ist der häufigste histologische Typ, tritt meist bei männlichen Jugendlichen auf 2
Hydrozephalus: Kompression der hinteren Kommissur führt zum Syndrom. Typisch ist der obstruktive Hydrozephalus bei Kindern
Hirnstamm-Gefäßerkrankungen: Infarkt oder Blutung im dorsalen Mittelhirn. Häufiger bei älteren Menschen
Demyelinisierende Erkrankungen: Demyelinisierende Läsionen im dorsalen Mittelhirn, z. B. bei Multipler Sklerose (MS)
In Studien an Erwachsenen sind Mittelhirnläsionen (Blutung 30%, Infarkt 20%, Tumor 15%) am häufigsten, während Pinealistumoren etwa 30% ausmachen 1. Bei Kindern hingegen sind Pinealistumoren die häufigste Ursache 3. Eine Ursachensuche mittels Bildgebung ist obligatorisch.
Vertikale Blickparese (insbesondere Einschränkung des Aufwärtsblicks)
Konvergenz-Rücknystagmus und Konvergenzparese
Collier-Zeichen (beidseitige Lidretraktion)
Das Syndrom kann auch mit nur einigen Komponenten auftreten; selbst wenn die typischen sechs Merkmale nicht vollständig vorliegen, sollte das Syndrom in Betracht gezogen werden.
Eine Licht-Nah-Dissoziation ohne Miosis wird als Pseudo-Argyll-Robertson-Pupille bezeichnet und zeigt ein ähnliches Bild wie die Tektalpupille. Bei der Neurosyphilis ist die Miosis stets vorhanden, was zur Differenzierung dient.
Kopf-MRT/CT: Nachweis von Pinealistumoren, Hydrozephalus und Hirnstammläsionen. Diffusionsgewichtete und kontrastmittelverstärkte MRT sind zur Tumordiagnostik nützlich. Ein intrinsisches T2/FLAIR-Hyperintensitätssignal im Mittelhirn (intrinsic midbrain signal abnormality, IMSA) ist ein sensitiver Befund für das Vorliegen eines Parinaud-Syndroms bei Pinealisregion-Läsionen45
Bewertung der Augenbewegungen: Quantifizierung der Einschränkung des Aufwärtsblicks. Aufzeichnung des Konvergenz-Rücknystagmus mittels Videookulographie
Sehschärfe- und Gesichtsfelduntersuchung: Beurteilung einer möglichen Kompression des Sehnervs
Tumormarker: Bei Verdacht auf Pinealistumor Bestimmung von AFP, β-HCG und PLAP im Serum und Liquor
QWas ist der Unterschied zur Argyll-Robertson-Pupille?
A
Der größte Unterschied liegt im Pupillendurchmesser. Die Argyll-Robertson-Pupille ist durch beidseitige Miosis gekennzeichnet, die auch im Dunkeln besteht, und steht in engem Zusammenhang mit der Neurosyphilis. Bei der Tektalpupille (Parinaud-Syndrom) zeigt sich eine mittelgradige Mydriasis, und begleitende Befunde wie vertikale Blickparese, Konvergenzretraktionsnystagmus und Collier-Zeichen können zur Differenzialdiagnose beitragen.
Das grundlegende Behandlungsprinzip des Parinaud-Syndroms ist die Behandlung der Grunderkrankung. Die ophthalmologische Behandlung des Syndroms selbst ist symptomatisch; die Beseitigung der Ursache führt zur grundlegenden Besserung.
Bei vertikaler Diplopie kann die Verordnung einer Prismenbrille als vorübergehende symptomatische Therapie in Betracht gezogen werden. Sie kann nützlich sein, um die Lebensqualität zu erhalten, bis die Behandlung der Grunderkrankung wirksam wird. In einer Studie an Erwachsenen konnte bei etwa 88 % der Fälle durch konservatives Management (Beobachtung, Okklusion, Prismen) eine Besserung erzielt werden, und bei therapieresistenter Diplopie führte eine Schieloperation bei 80 % der Patienten zu einer Symptomverbesserung1.
QGibt es eine augenärztliche Behandlung für das Parinaud-Syndrom selbst?
A
Es gibt keine ophthalmologische kurative Behandlung. Grundsätzlich wird eine Verbesserung durch Behandlung der Grunderkrankung angestrebt. Wenn vertikale Diplopie den Alltag beeinträchtigt, kann eine Prismenbrille als symptomatische Therapie gewählt werden. Die Augenheilkunde übernimmt Diagnose, Verlaufskontrolle und symptomatische Therapie, während die ursächliche Behandlung in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Fachabteilungen erfolgt.
6. Pathophysiologie und detaillierter Entstehungsmechanismus
Die einzelnen Befunde des Parinaud-Syndroms werden durch eine neuroanatomische Störung im dorsalen Mittelhirn erklärt, die vor allem die Commissura posterior und das prätektale Areal betrifft.
Anatomie der Commissura posterior und des prätektalen Areals
Das Prätectum liegt rostral und dorsal des Aquaeductus mesencephali, und die Commissura posterior ist eine weiße Kommissur, die sich kaudal daran anschließt. Tumoren der Zirbeldrüse oder ein Hydrozephalus, die zu einer Erweiterung des hinteren Teils des dritten Ventrikels führen, können diese Region komprimieren und schädigen, was zum Parinaud-Syndrom führt.
Neuroanatomischer Mechanismus der Licht-Nah-Dissoziation
Die supranukleären Fasern, die die Nahreaktion (Konvergenzmiosis) steuern, verlaufen hingegen ventraler (weiter vorne) als der Lichtreflexweg. Daher wird bei einer Läsion des Prätectums oder der Commissura posterior der Lichtreflexweg unterbrochen, während der Nahreaktionsweg erhalten bleibt. Dies ist die anatomische Grundlage der Licht-Nah-Dissoziation (light-near dissociation)2.
Die Prognose variiert stark je nach Grunderkrankung.
Hydrozephalusbedingte Ursachen: Durch Shunt-Operation oder ETV kann der intrakranielle Druck gesenkt werden, wodurch der Druck auf das prätektale Areal nachlässt und sich die Symptome bessern können.
Hirnstammvaskuläre Läsionen: Eine gewisse spontane Erholung ist möglich. Größe und Lage der Läsion beeinflussen die Prognose.
Pinealistumoren: Die Prognose hängt vom Behandlungserfolg (Verkleinerung/Verschwinden) des Tumors ab. Keimzelltumoren sind oft strahlenempfindlich und haben eine gute Prognose.
Demyelinisierende Erkrankungen: Der Verlauf variiert je nach Ansprechen auf die Steroidtherapie.
Bei der mit Hydrozephalus assoziierten Parinaud-Syndrom wird die Nützlichkeit der ETV als Alternative zum V-P-Shunt hervorgehoben. Die ETV ist vorteilhaft, da sie shuntbedingte Komplikationen (Infektion, Funktionsstörung) vermeidet, und die Ausweitung der Indikationen bei obstruktivem Hydrozephalus schreitet voran. Weitere Evidenz wird erwartet, um zu klären, inwieweit eine frühzeitige Entlastung des Hydrozephalus zur Verbesserung der Sehfunktion beim Parinaud-Syndrom beiträgt.
Für pineale Keimzelltumoren wird eine multimodale Therapie mit Strahlentherapie und Chemotherapie (z. B. Carboplatin, Etoposid) zunehmend standardisiert. Die Indikation zur Ganzhirn-Ganzwirbelsäulen-Bestrahlung und die Optimierung der Chemotherapieintensität werden kontinuierlich erforscht.
Verbesserung der Sehfunktion durch frühzeitige Intervention
Beim Hydrozephalus-assoziierten Parinaud-Syndrom kann eine frühzeitige Entlastung des intrakraniellen Drucks die Kompression des prätektalen Bereichs schnell verringern und zur Verbesserung der Sehfunktion sowie der Augenbewegungen beitragen. Zudem werden Methoden zur quantitativen Verlaufsbeobachtung der Blicklähmung nach oben entwickelt.
Shields M, Sinkar S, Chan W, Crompton J. Parinaud syndrome: a 25-year (1991-2016) review of 40 consecutive adult cases. Acta Ophthalmol. 2017;95(8):e792-e793. PMID: 27778456. doi:10.1111/aos.13283 ↩↩2↩3
Ortiz JF, Eissa-Garcés A, Ruxmohan S, et al. Understanding Parinaud’s Syndrome. Brain Sci. 2021;11(11):1469. PMID: 34827468. PMC: PMC8615667. doi:10.3390/brainsci11111469 ↩↩2
Hoehn ME, Calderwood J, O’Donnell T, Armstrong GT, Gajjar A. Children with dorsal midbrain syndrome as a result of pineal tumors. J AAPOS. 2017;21(1):34-38. PMID: 28069468. doi:10.1016/j.jaapos.2016.09.024 ↩↩2
Vuppala AA, Hura N, Sahraian S, Beheshtian E, Miller NR, Yousem DM. MRI findings in Parinaud’s syndrome: a closer look at pineal masses. Neuroradiology. 2019;61(5):507-514. PMID: 30684115. doi:10.1007/s00234-019-02166-4 ↩
Hura N, Vuppala AD, Sahraian S, Beheshtian E, Miller NR, Yousem DM. Magnetic resonance imaging findings in Parinaud’s syndrome: comparing pineal mass findings to other etiologies. Clin Imaging. 2019;58:124-130. PMID: 31377440. doi:10.1016/j.clinimag.2019.07.010 ↩
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