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Augenverletzungen

Retinale Commotio

Die Commotio retinae ist eine reversible Schädigung der äußeren Segmente der Photorezeptoren und der retinalen Pigmentepithelzellen (RPE) nach einem stumpfen Augentrauma, die zu einem Ödem und einer weißen Trübung der Netzhaut führt. In den meisten Fällen bildet sie sich spontan zurück.

Bei Beteiligung der Makula ist sie durch einen kirschroten Fleck in der Fovea und eine weiße Trübung der Umgebung gekennzeichnet und wird auch als Berlin-Trübung (Berlin-Ödem) bezeichnet. Eine irreversible Schädigung wird dagegen als Netzhautkontusionsnekrose abgegrenzt.

Es handelt sich um eine relativ häufige Erkrankung, die bei etwa 30 % der geschlossenen Augentraumata auftritt. Sie tritt nicht nur an der direkten Aufprallstelle (Coup-Läsion) auf, sondern auch auf der Gegenseite durch Übertragung der Stoßwelle (Contrecoup-Läsion).

Q Sind « Commotio retinae » und « Berlin-Ödem » dieselbe Krankheit?
A

Das Berlin-Ödem ist die Bezeichnung für eine Commotio retinae, die die Makula betrifft. Es zeigt ein charakteristisches Erscheinungsbild mit einer kirschroten Fovea und einer weißen Trübung der Umgebung. Die Commotio retinae kann auch außerhalb der Makula auftreten und ist ein weiter gefasster Begriff.

Fundusbefund bei Verdacht auf Commotio retinae
Fundusbefund bei Verdacht auf Commotio retinae
Liu Y, et al. Creation of a New Explosive Injury Equipment to Induce a Rabbit Animal Model of Closed Globe Blast Injury via Gas Shock. Front Med (Lausanne). 2021. Figure 5. PMCID: PMC8495021. License: CC BY.
Fundusbild eines Kaninchens, das einem Druck von 5.000 KPa ausgesetzt war, mit (A) unscharfem Fundus am 3. Tag, (B) leichter Glaskörperblutung, (C) Fundustrübung am 3. Tag, die auf eine Netzhautkommotion hindeutet, (D) ausgedehnter Netzhautpigmentierung. Entspricht der Netzhautkommotion, die im Abschnitt „2. Hauptsymptome und klinische Befunde“ behandelt wird.
  • Gesichtsfeldskotom : Gesichtsfeldausfall oder -depression entsprechend der Läsion. Bei extra-makulären Läsionen möglicherweise weniger bemerkt.
  • Sehverschlechterung : Deutlich, wenn die Läsion die Makula betrifft.
  • Verschwommenes Sehen : Tritt oft unmittelbar nach der Verletzung auf.
  • Vorübergehender Verlauf : Die subjektiven Symptome bessern sich meist innerhalb von 1–2 Wochen nach der Verletzung. Bei Makulaläsionen kann jedoch eine dauerhafte Sehbehinderung zurückbleiben.

Die Fundusuntersuchung zeigt charakteristische glänzende, kleine fleckige bis landkartenartige weiße Trübungen. Die Trübungen treten unmittelbar nach der Verletzung auf, erreichen nach 2–3 Tagen ihr Maximum und klingen dann innerhalb von 1–2 Wochen ab. In der Regel ohne Blutung.

Bei Makulaläsionen (Berlin-Trübung) erscheint die Fovea relativ rot (kirschroter Fleck) mit deutlichem Kontrast zur weißen Trübung der umgebenden Netzhaut.

Im OCT zeigen sich typischerweise eine Hyperreflektivität und Verdickung der Ellipsoidzone (EZ) sowie eine Zerstörung der Interdigitationszone (IZ). Die OCT-Graduierung nach Ahn et al. ist für die Prognose nützlich. 1)

Leicht Grad 1-2

Grad 1 (erhöhte EZ-Reflektivität) : Hyperreflektivität der EZ, aber Struktur erhalten. Sehprognose relativ gut.

Grad 2 (Verlust der IZ-Reflektivität) : Die Reflektivität der IZ verschwindet. Zeigt eine mäßige Schädigung der äußeren Photorezeptorsegmente an.

Schwer Grad 3-4

Grad 3 (Verlust der IZ- und EZ-Reflektivität) : Sowohl IZ als auch EZ verschwinden. Die Sehprognose ist oft ungünstig.

Grad 4 (IZ+EZ+ELM-Reflex verschwunden) : Schwerste Form mit Verlust bis zur äußeren Grenzmembran (ELM). Die Sehprognose ist am schlechtesten.

OCTA kann manchmal hilfreich sein, um Veränderungen der Gefäßdichte in der Makula zu beurteilen. Außerdem kann es in der frühen Verletzungsphase zu einer Aderhautverdickung kommen.

Q Wie lange dauert es, bis sich das Sehvermögen erholt?
A

Makuläre Läsionen können zu dauerhaften Sehstörungen führen. Je höher der OCT-Grad (Grad 3-4), desto schlechter die Prognose, und die OCT-Beurteilung zum Zeitpunkt der Vorstellung ist wichtig. 1)

Eine Netzhautkommotion entsteht durch ein stumpfes Augentrauma oder eine Explosionsverletzung (Blast Injury).

  • Hochimpakt-Sportarten : Ballsportarten (Baseball, Tennis, Squash usw.) am häufigsten. Der Ball oder das Gerät trifft direkt das Auge.
  • Überfall und Gewalt : Direkter Schlag auf das Auge mit der Faust oder einem Gegenstand.
  • Autounfälle : Aufprall beim Auslösen des Airbags oder bei der Kollision.
  • Explosion und Druckwellenverletzung : Kann auch bei militärischen Verletzungen oder Industrieunfällen auftreten.
Q Welchen Augenschutz sollte man beim Sport wählen?
A

Es wird empfohlen, Polycarbonat-Gläser entsprechend der Aufprallstärke zu wählen. Bei niedrigem bis mittlerem Aufprall sind 2–3 mm Dicke, bei hohem Aufprall 3 mm oder mehr als Richtwert anzusehen. Bei Sportarten mit höchstem Risiko wie Eishockey oder Lacrosse ist ein Helm mit Gesichtsmaske geeignet. Normale Brillengläser sind als Schutz unzureichend, daher ist eine spezielle Schutzbrille erforderlich.

Die Fundusuntersuchung in Mydriasis ist grundlegend. Die Diagnose ist aufgrund des charakteristischen Befundes einer glänzenden weißen Trübung oft relativ einfach.

Bei der Untersuchung eines Traumas ist es wichtig, gleichzeitig andere intraokulare Komplikationen als die der Netzhaut zu überprüfen.

  • Hyphäma: spiegelt eine Schädigung des Kammerwinkels oder der Irisgefäße wider.
  • Kammerwinkelschädigung: erfordert eine Beurteilung mittels Gonioskopie. Kann ein traumatisches Glaukom verursachen.
  • Linsenluxation oder -subluxation: entsteht durch Zonulafaserrisse infolge starker stumpfer Gewalteinwirkung.
  • Glaskörperblutung: Bei erschwerter Fundusbeobachtung wird eine Ultraschalluntersuchung eingesetzt.
  • OCT (Optische Kohärenztomographie): Hyperreflektivität und Verdickung der EZ sind typisch. Eine Graduierung anhand des Vorhandenseins oder Fehlens von IZ- und ELM-Verlust ist für die Vorhersage der Sehprognose nützlich. 1)
  • Ultraschall (B-Modus): Wird verwendet, wenn der Fundus aufgrund von Vorderabschnittstrübungen oder Glaskörperblutung schlecht einsehbar ist.
  • OCTA: Wird ergänzend zur Beurteilung der makulären Gefäßdichte und Verlaufskontrolle eingesetzt.

Bei posttraumatischer weißer Netzhauttrübung ist die folgende Differenzierung wichtig.

Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen Netzhautkommotion und Netzhautkontusionsnekrose.

MerkmalNetzhautkommotionKontusionsnekrose
TrübungsbeschaffenheitGlänzend weißDicht weiß
BlutungKeineVorhanden
PrognoseSpontane BesserungIrreversibel

Weitere Differenzialdiagnosen umfassen die folgenden.

  • Netzhautischämie: weiße Trübung durch Gefäßverschluss. Begleitet von Gefäßbefunden.
  • Aderhautruptur: halbmondförmige weiße Linie. Tritt einige Wochen nach dem Trauma auf.
  • Purtscher-Retinopathie: multiple weiße Flecken und Blutungen nach Kopfverletzung oder Thoraxkompression.
  • Traumatisches Makulaloch: vollschichtiger Defekt der Makula. Nachweisbar mittels OCT.

Für die Netzhautkommotion gibt es derzeit keine etablierte wirksame Behandlung. Die Trübung bildet sich meist spontan zurück, und die Beobachtung ist die grundlegende Maßnahme.

Die weiße Trübung verschwindet oft innerhalb von 1–2 Wochen nach der Verletzung spontan. Die Verbesserung der OCT-Befunde kann über mehrere Monate anhalten.

Es gibt einige anekdotische Berichte über die intravenöse Gabe von hochdosierten Steroiden, aber die Wirksamkeit ist nicht belegt und wird derzeit nicht als Standardtherapie empfohlen.

Das Wichtigste bei der Beobachtung ist die Erkennung und Behandlung von Komplikationen.

  • Makulaloch: kann im posttraumatischen Verlauf auftreten. Bei erneuter Verschlechterung der Symptome sofort OCT durchführen.
  • Netzhautriss oder -ablösung: Bei stumpfem Trauma kann es zu gitterförmiger Degeneration oder Rissen in der Netzhautperipherie kommen. Regelmäßige periphere Fundusuntersuchung in Mydriasis durchführen.
  • Sekundärglaukom: kann sekundär zu einer Kammerwinkelschädigung auftreten. Regelmäßige Kontrolle des Augeninnendrucks ist erforderlich.
Q Wenn es keine Behandlung gibt, ist ein Arztbesuch dann unnötig?
A

Eine augenärztliche Untersuchung ist zwingend erforderlich. Die Netzhautkommotion selbst heilt oft spontan ab, aber gleichzeitig können Komplikationen wie Netzhautrisse, Makulaloch, Kammerwinkelverletzung oder Linsenluxation auftreten. Werden diese übersehen, kann dies zu dauerhaften Sehstörungen oder Gesichtsfeldausfällen führen. Insbesondere eine regelmäßige Nachsorge nach der Verletzung ist für die Früherkennung von Komplikationen entscheidend.

6. Pathophysiologie und detaillierte Entstehungsmechanismen

Abschnitt betitelt „6. Pathophysiologie und detaillierte Entstehungsmechanismen“

Ein stumpfer Aufprall auf das Auge belastet die Netzhaut mechanisch durch folgende Mechanismen:

  1. Schnelle Verformung des Augapfels: Durch den Schlag werden Linse und Iris-Zwerchfell schnell nach hinten verlagert.
  2. Entstehung hydrodynamischer Kräfte: Es kommt zu einer plötzlichen Druckänderung der intraokularen Flüssigkeit.
  3. Zweidirektionaler Druck auf die Netzhaut: Druck von der Glaskörperseite und Gegenkraft von der Skleraseite wirken sandwichartig auf die Netzhaut.

Eine Contrecoup-Verletzung entsteht, wenn die Stoßwelle den Augapfel durchquert und die gegenüberliegende Netzhaut erreicht.

Mansour et al. bestätigten in Spenderaugen, die innerhalb von 24 Stunden nach der Verletzung verarbeitet wurden, die Zerstörung der Photorezeptor-Außensegmente und die Ansammlung von subretinalem Debris2).

  • Riss der äußeren Segmente der Photorezeptoren: Dies ist die am stärksten gefährdete Stelle. Die Fortsätze der Photorezeptoren (äußere Segmente) werden nicht von Müller-Zellen gestützt, daher sind sie anfällig für mechanische Belastungen.
  • Leichte Schädigung des retinalen Pigmentepithels: Die Zellen des retinalen Pigmentepithels zeigen nur relativ geringfügige Veränderungen.
  • Erhalt der Blut-Retina-Schranke: Es wird angenommen, dass es bei einer Retina-Commotio zu keiner signifikanten Störung der Blut-Retina-Schranke kommt. Dies ist einer der Gründe, warum sie nicht mit Blutungen einhergeht.

Die glänzende weiße Trübung des Augenhintergrunds entsteht durch abnormale Lichtstreuung an zerstörten äußeren Segmenten und Trümmern. Es handelt sich nicht um eine Flüssigkeitsansammlung (Ödem) im Gewebe, sondern um die physikalische Zerstörung der Strukturen der äußeren Segmente.

Die Reparatur der äußeren Segmente beginnt etwa eine Woche nach der Verletzung. Eine vollständige Reparatur kann mehr als zwei Monate dauern.

In einem normalen Photorezeptor-Außensegment gibt es 1.000 bis 2.000 Diskmembranen, und etwa 10 % der Spitze des Außensegments werden täglich vom retinalen Pigmentepithel phagozytiert und erneuert. Dieser Stoffwechselzyklus erneuert das gesamte Außensegment in etwa 10 bis 14 Tagen. Es wird angenommen, dass dieser physiologische Erneuerungsmechanismus der Außensegmente die spontane Besserung nach einem Trauma unterstützt.


7. Aktuelle Forschung und zukünftige Perspektiven (Berichte aus der Forschungsphase)

Abschnitt betitelt „7. Aktuelle Forschung und zukünftige Perspektiven (Berichte aus der Forschungsphase)“

OCTA könnte als nicht-invasives Verlaufsinstrument nützlich sein. Die klinische Bedeutung der Prognosevorhersage bei Retina-Commotio bedarf jedoch weiterer Untersuchungen.

Das OCT-Grading-System nach Ahn wird als vielversprechendes Instrument zur Vorhersage der Sehprognose anhand von Befunden in der akuten Phase angesehen. 1) Insbesondere die Identifizierung schwerer Fälle der Grade 3–4 könnte bei der Entscheidung über eine frühzeitige intensive Nachsorge hilfreich sein. Eine Validierung durch multizentrische, prospektive Studien ist erforderlich.

Hypothese der Veränderungen des choroidalen Blutflusses

Abschnitt betitelt „Hypothese der Veränderungen des choroidalen Blutflusses“

Veränderungen des choroidalen Blutflusses nach einem stumpfen Trauma könnten an der Funktionsstörung des retinalen Pigmentepithels und der äußeren Segmente der Photorezeptoren beteiligt sein. Diese Hypothese ist für das Verständnis der Pathologie nützlich, aber derzeit nicht als therapeutisches Ziel etabliert.


  1. Ahn SJ, Woo SJ, Kim KE, et al. Optical coherence tomography morphologic grading of macular commotio retinae and its association with anatomic and visual outcomes. Am J Ophthalmol. 2013;156(5):994-1001.e1.
  2. Mansour AM, Green WR, Hogge C. Histopathology of commotio retinae. Retina. 1992;12(1):24-28.

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