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Neuroophthalmologie

Cheiro-Oral-Syndrom

Das Cheiro-Oral-Syndrom (COS) ist eine seltene neurologische Erkrankung, die sich durch sensorische Störungen in den Fingern (cheiro) und im perioralen Bereich (oral) äußert. Es wird als seltene Subtyp des thalamischen Schlaganfallsyndroms (thalamic stroke syndromes) eingestuft.

COS wird basierend auf der Läsionslokalisation und der Symptomverteilung in die folgenden vier Klassen eingeteilt.

Klasse I

Definition: Sensibilitätsstörung kontralateral zu einer Läsion des Hirnstamms oder Thalamus.

Symptomverteilung: Sensibilitätsstörungen im Gesicht (perioral) sowie an Händen und Fingern treten auf derselben Seite auf. Dies ist die typischste Form.

Klasse II

Definition: COS mit beidseitigen sensorischen Störungen.

Symptomverteilung: Beidseitige sensorische Anomalien im Gesicht und an den Fingern.

Typ III

Definition: Beidseitige Symptome um den Mund und einseitige Symptome an Händen/Fingern oder umgekehrt.

Symptomverteilung: Es zeigt sich ein komplexes Muster mit Seitenunterschieden im Gesicht und an den oberen Extremitäten.

Typ IV

Definition: Gekreuztes Hand-Mund-Syndrom (crossed COS).

Symptomverteilung: Gleichzeitiges Auftreten von Symptomen im Mundbereich auf einer Körperseite und Symptomen an der oberen Extremität auf der Gegenseite.

Im Zusammenhang mit der Augenheilkunde können durch Beteiligung von Strukturen in der Nähe des Thalamus efferente (Augenbewegungsstörungen) oder afferente (Sehverlust) Störungen als Komplikation des COS auftreten.

Q Wie selten ist das Hand-Mund-Syndrom?
A

Es wird als Subtyp des thalamischen Schlaganfallsyndroms beschrieben und tritt selten auf. Prävalenzdaten sind begrenzt, aber bei einem Teil der Schlaganfallpatienten werden Fälle als COS beobachtet.

  • Sensibilitätsstörungen an Hand und Mund: Hauptsymptom sind Taubheitsgefühl und Parästhesien im Bereich des Mundwinkels sowie der ipsilateralen Hand und Finger.
  • Doppelbilder (Diplopie): Bei begleitender Augenbewegungsstörung treten binokulare Doppelbilder auf.
  • Transitorische Episoden: Bei Auftreten als TIA können die Symptome als vorübergehende, wiederkehrende Episoden von weniger als 60 Minuten Dauer auftreten.

Toudou-Daouda et al. (2024) berichteten über einen 52-jährigen Mann mit drei vorübergehenden, wiederkehrenden Episoden von weniger als 60 Minuten Dauer, die sich mit linksseitigen Handparästhesien sowie binokularem Horizontaldoppelsehen und Esotropie äußerten 1). Ursache war eine nahezu verschließende atherosklerotische Stenose des Karotisbulbus (sub-occlusive right carotid bulb atherosclerotic stenosis). Die neurologischen Untersuchungen zwischen den Episoden waren unauffällig.

  • Verminderte Schmerz- und Berührungsempfindung: Verminderte Schmerzempfindung (Nadelstich) und diskriminative Berührungsempfindung im Bereich des Mundes und der Finger.
  • Augenbewegungsstörungen: Befunde entsprechend der Lokalisation der begleitenden Läsion.

Die folgenden okulomotorischen und visuellen Bahnstörungen sind mit der Lokalisation der Läsion verbunden.

Lokalisation der LäsionKlinisches Bild
Mittelhirn, medialer Längsstrang (MLF)Internukleäre Ophthalmoplegie (INO)
Tegmentum mesencephaliNystagmus oder Okulomotoriuslähmung
RetrochiasmatischHomonyme Hemianopsie
Q Warum treten Augensymptome beim Hand-Mund-Syndrom auf?
A

Durch Ischämie von Strukturen in der Nähe des Thalamus können mehrere ophthalmologische Komplikationen auftreten. Typische Beispiele sind internukleäre Ophthalmoplegie (Läsion des medialen Längsbündels), Nystagmus/Okulomotoriusparese (Läsion des Tegmentum mesencephali) und homonyme Hemianopsie (postchiasmatische Läsion). Bei einer Läsion des Tractus opticus kann eine RAPD auftreten, da die pupillomotorischen Fasern im Chiasma ungleich kreuzen und vor ihrer Aufzweigung im Brachium colliculi superioris im Tractus opticus verlaufen.

Die Hauptursachen für COS sind die folgenden.

  • Ischämischer Schlaganfall: häufigste Ursache. Typisch sind Infarkte im Bereich der perforierenden Arterien des Thalamus und des Hirnstamms.
  • Hämorrhagischer Schlaganfall: Ursache können intrazerebrale Blutungen im Thalamus sein.
  • Tumor: Tumorläsionen im Thalamus- und Hirnstammbereich.
  • Subduralhämatom: Komprimiert Thalamus und Hirnstamm durch raumfordernde Wirkung.
  • Aneurysma: Nervenschädigung durch Kompression oder Blutung.
  • Enzephalitis: Sensibilitätsstörungen durch entzündliche Läsionen.
  • Extrakranielle Stenose der A. carotis interna (ICA): Kann COS ohne Hirnläsionen verursachen1).

Zu den vaskulären Risikofaktoren gehören ischämische Herzkrankheit, Hyperlipidämie, Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen.

Q Kann das Hand-Mund-Syndrom auch ohne Schlaganfall auftreten?
A

Der häufigste Grund ist ein Schlaganfall, aber auch Tumore, Subduralhämatome, Aneurysmen und Enzephalitis können Ursachen sein. Darüber hinaus wurde berichtet, dass eine extrakranielle ICA-Stenose (Arteriosklerose, Arteriendissektion) auch ohne Hirnparenchymläsionen zu einem COS führen kann 1).

Bei Verdacht auf COS ist eine gründliche Untersuchung mit Schwerpunkt auf der neuroradiologischen Bildgebung erforderlich.

  • Kopf-CT: Erkennt akute ischämische Infarkte, Blutungen und strukturelle Läsionen des Thalamus (Hypodensitäten). Nützlich für die Notfallbeurteilung.
  • CT-Angiographie (CTA): Ermöglicht die schnelle Beurteilung von Verschlüssen großer Gefäße. Auch zum Nachweis mittlerer und kleiner Gefäßverschlüsse geeignet. Wird ebenfalls zur Erkennung atherosklerotischer Stenosen des Karotisbulbus eingesetzt1).
  • MRT des Kopfes: Dient zur definitiven Diagnose von Ischämien oder anderen Läsionen, die ein COS verursachen. Die diffusionsgewichtete Bildgebung (DWI) weist eine hohe Sensitivität und Spezifität für die Diagnose eines akuten Schlaganfalls auf. Es ist zu beachten, dass ein COS auch ohne sichtbare Hirnläsionen im MRT auftreten kann1).

Die Eigenschaften der wichtigsten bildgebenden Verfahren sind im Folgenden aufgeführt.

UntersuchungsmethodeHauptanwendungMerkmale
Kopf-CTAkutscreeningSchnelle Beurteilung von Blutungen und akutem Infarkt
CTAGefäßbeurteilungDarstellung von Großgefäßverschlüssen und Karotisstenosen
Kopf-MRT/DWIBestätigungsdiagnoseHochempfindliche Darstellung akuter Ischämie/Kleiner Infarkte

Bei ischämiebedingtem COS wird eine vollständige Schlaganfallabklärung (Stroke Work-up) empfohlen. Routinemäßige Blutuntersuchungen (einschließlich Blutbild, klinische Chemie und HbA1c) sind ebenfalls für die Bewertung vaskulärer Risikofaktoren unerlässlich.

Die Behandlung des COS erfolgt grundsätzlich durch Behandlung der Ursache der Grunderkrankung.

  • Behandlung der Grunderkrankung: Die Lokalisation und Ätiologie des COS werden mittels neurobildgebender Verfahren identifiziert, und die zugrunde liegende Ursache wird behandelt.
  • Management vaskulärer Risikofaktoren: Die Kontrolle von ischämischer Herzkrankheit, Hyperlipidämie, Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen ist für die Prävention zukünftiger Infarkte von größter Bedeutung.
  • Karotisendarteriektomie (carotid endarterectomy): Indiziert bei hochgradiger Karotisstenose. Im Fall von Toudou-Daouda et al. (2024) trat nach rechtsseitiger Karotisendarteriektomie über ein Jahr postoperativ kein erneutes zerebrovaskuläres Ereignis auf1).
  • Antithrombotische Therapie: Zur Sekundärprävention ischämischer Läsionen werden Thrombozytenaggregationshemmer oder Antikoagulanzien eingesetzt.

Der Verlauf der Augenbewegungsnerven (III, IV, VI) im Sinus cavernosus und ihre Blutversorgung durch Äste der A. carotis interna sind ein wichtiger anatomischer Hintergrund für die Therapieentscheidung. Beim Syndrom der oberen Orbitafissur und beim Sinus-cavernosus-Syndrom treten eine vollständige Okulomotorikstörung und Sensibilitätsstörungen im Bereich des ersten Trigeminusasts auf, daher ist eine Differenzialdiagnose und Beachtung möglicher Kombinationen erforderlich.

6. Pathophysiologie und detaillierter Entstehungsmechanismus

Abschnitt betitelt „6. Pathophysiologie und detaillierter Entstehungsmechanismus“

Anatomischer Hintergrund des sensorischen Homunkulus

Abschnitt betitelt „Anatomischer Hintergrund des sensorischen Homunkulus“

Die anatomische Grundlage für das gleichzeitige Auftreten von Sensibilitätsausfällen im Mundwinkelbereich und an der ipsilateralen oberen Extremität ist wie folgt.

  • Benachbarte Anordnung der Kerne im Thalamus: Der Nucleus ventralis posteromedialis (VPM: Gesichts- und Mundsensibilität) und der Nucleus ventralis posterolateralis (VPL: Rumpf- und Extremitätensensibilität) des Thalamus, die sensorische Informationen weiterleiten, liegen eng benachbart.
  • Nähe der sensorischen Bahnen im Hirnstamm: Der Tractus spinothalamicus (Schmerz- und Temperatursinn von Rumpf und Extremitäten) und der Tractus trigeminothalamicus (Schmerz- und Temperatursinn des Gesichts) verlaufen in unmittelbarer Nähe zueinander.
Q Warum treten Mund- und Handsymptome gleichzeitig auf?
A

Der VPM und VPL des Thalamus liegen anatomisch eng beieinander, sodass selbst kleine Läsionen beide Kerne gleichzeitig schädigen können. Auch im Hirnstamm verlaufen der Tractus spinothalamicus und der Tractus trigeminothalamicus in unmittelbarer Nähe, was denselben Grund hat.

Ein kortikales COS (cortical COS) kann auch durch Läsionen des sensorischen Kortex im Gyrus postcentralis entstehen. Chen WH et al. (2006) überprüften die klinische Bedeutung und Ätiologie des kortikalen COS und berichteten über ein kortikales COS aufgrund einer Läsion des Gyrus postcentralis5).

Pathophysiologie des Abduzensparese (Zusammenhang mit ICA-Stenose)

Abschnitt betitelt „Pathophysiologie des Abduzensparese (Zusammenhang mit ICA-Stenose)“

Toudou-Daouda et al. (2024) berichteten über einen Fall, bei dem eine hochgradige Stenose des rechten Karotisbulbus → verminderter Blutfluss im kavernösen ICA-Abschnitt → Minderperfusion des lateralen Stamms der okulomotorischen Arterie → Ischämie des N. abducens als Mechanismus angenommen wurde 1). Tekdemir et al. (1998) zeigten anatomisch, dass der N. abducens im Sinus cavernosus von ICA-Ästen mit Blut versorgt wird 4).

Normalerweise deutet die Kombination von Hirnstamm-bedingten Augenbewegungsstörungen und COS auf eine Läsion des hinteren Kreislaufs (Pons/Thalamus) hin, aber klinisch wichtig ist, dass ein ähnliches Syndrom auch bei extrakraniellen Läsionen des vorderen Kreislaufs (ICA) auftreten kann 1).

Die Nn. oculomotorius, trochlearis und abducens werden im intrazisternalen Verlauf von Ästen der A. basilaris, A. superior cerebelli und A. inferior anterior cerebelli versorgt 3). Auch bei einer spontanen dissezierenden Okklusion der A. carotis interna kann eine isolierte Okulomotoriusparese durch Embolie des versorgenden Arterienstamms, hämodynamische Mechanismen oder beides entstehen 2).

Eine Läsion des Tractus opticus führt zu einer kontralateralen homonymen Hemianopsie. Eine Schädigung der versorgenden Gefäße, einschließlich der A. basilaris, A. cerebri posterior und A. communicans posterior, verursacht Anomalien des Tractus opticus. Da die Pupillenmotorikfasern im Chiasma opticum ungleichmäßig kreuzen und vor der Aufzweigung im Colliculus superior durch den Tractus opticus verlaufen, kann eine Tractus-opticus-Läsion einen relativen afferenten Pupillendefekt (RAPD) verursachen.


7. Aktuelle Forschung und zukünftige Perspektiven (Berichte aus der Forschungsphase)

Abschnitt betitelt „7. Aktuelle Forschung und zukünftige Perspektiven (Berichte aus der Forschungsphase)“

Erster Bericht über Augenmuskellähmung durch Karotisstenose

Abschnitt betitelt „Erster Bericht über Augenmuskellähmung durch Karotisstenose“

Toudou-Daouda et al. (2024) berichteten weltweit erstmals über eine vorübergehende Abduzensparese aufgrund einer atherosklerotischen Stenose des Karotisbulbus (ohne Hirnläsion)1). In diesem Fall traten die Abduzensparese und das COS als wiederkehrende TIA auf, und nach einer Karotisendarteriektomie trat ein Jahr lang kein Rezidiv auf.

Dieser Bericht zeigt die Bedeutung der Untersuchung auf extrakranielle ICA-Stenoseerkrankungen (Arteriendissektion, Arteriosklerose) bei Patienten mit akuter permanenter oder vorübergehender Okulomotoriusparese.

Einem Bericht zufolge zeigten nur 14 von 85 Patienten (16,5 %) in der akuten Phase eine Verschlechterung oder Progression der Symptome. Patienten mit subkortikalen Läsionen haben oft eine gute Prognose. Läsionen durch Subduralhämatome oder Hirnstamminfarkte weisen eine schlechtere Prognose auf.


  1. Toudou-Daouda M, Yatwa-Zaniwe RV, Aminou-Tassiou NR, Chausson N, Smadja D. Transient recurrent episodes of abducens nerve palsy and cheiro-oral syndrome in a sub-occlusive carotid bulb atherosclerotic stenosis. Oxford Medical Case Reports. 2024;2024(3):113–115. doi:10.1093/omcr/omae020.

  2. Campos CR, Massaro AR, Scaff M. Isolated oculomotor nerve palsy in spontaneous internal carotid artery dissection: case report. Arquivos de neuro-psiquiatria. 2003;61(3A):668-70. doi:10.1590/s0004-282x2003000400027. PMID:14513178.

  3. Mercier P, Brassier G, Fournier HD, Delion M, Papon X, Lasjaunias P. [Morphological anatomy of the cranial nerves in their cisternal segment (III-XII)]. Neuro-Chirurgie. 2009;55(2):78-86. doi:10.1016/j.neuchi.2009.01.019. PMID:19328500.

  4. Tekdemir I, Tüccar E, Cubuk HE, Ersoy M, Elhan A, Deda H. Branches of the intracavernous internal carotid artery and the blood supply of the intracavernous cranial nerves. Annals of anatomy = Anatomischer Anzeiger : official organ of the Anatomische Gesellschaft. 1998;180(4):343-8. doi:10.1016/S0940-9602(98)80040-X. PMID:9728276.

  5. Chen WH, Lan MY, Chang YY, Lui CC, Chen SS, Liu JS. Cortical cheiro-oral syndrome: a revisit of clinical significance and pathogenesis. Clinical neurology and neurosurgery. 2006;108(5):446-50. doi:10.1016/j.clineuro.2005.07.007. PMID:16139420.

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