Okulokutaner Albinismus (Augenalbinismus)
Auf einen Blick
Abschnitt betitelt „Auf einen Blick“1. Was ist okulokutaner Albinismus (Augenalbinismus)?
Abschnitt betitelt „1. Was ist okulokutaner Albinismus (Augenalbinismus)?“Okulokutaner Albinismus (OCA) und okulärer Albinismus (OA) sind Sammelbegriffe für eine Gruppe erblicher Erkrankungen, die durch eine angeborene verminderte Melaninproduktion zu Albinismus führen. Melanin wird im Melanozyten-Syntheseweg produziert, dessen geschwindigkeitsbestimmendes Enzym die Tyrosinase ist; Mutationen in den an diesem Weg beteiligten Genen führen zu Pigmentmangel.
OCA führt zu Pigmentmangel in Haut, Haaren und Augen und wird autosomal-rezessiv (AR) vererbt. Derzeit sind OCA1–4 als Haupttypen bekannt, die jeweils auf Mutationen in verschiedenen Genen zurückzuführen sind.
OA ist eine auf das Auge beschränkte Form und zeigt einen X-chromosomal-rezessiven Erbgang (XLR). Sie tritt häufiger bei Männern auf, während weibliche Trägerinnen symptomlos bleiben oder lediglich Mosaikbefunde des Augenhintergrunds aufweisen. Der OA-Typ 1 wird durch eine Anomalie des GPR143-Gens verursacht und ist durch eine Fehlbildung der Melanosomen (Pigmentkörperchen) gekennzeichnet.
Beide Formen führen aufgrund des Pigmentmangels im Auge zu Nystagmus, Blendungsempfindlichkeit und Sehverschlechterung. Eine foveale Hypoplasie ist ein gemeinsames wichtiges Merkmal, und das Fehlen der Fovea-Einbuchtung im OCT dient als diagnostisches Kriterium.
2. Klassifikation
Abschnitt betitelt „2. Klassifikation“Die Klassifikation der okulokutanen und okulären Albinismen ist im Folgenden dargestellt.
| Typ | Ursachengen | Erbgang | Hauptmerkmale |
|---|---|---|---|
| OCA1 | TYR (Tyrosinase) | autosomal-rezessiv | Schwerste Form. Deutlicher Mangel an Pigment in Haut und Haaren |
| OCA2 | OCA2 | autosomal-rezessiv | Häufigster Typ. Pigmentmangel mittleren Grades |
| OCA3 | TYRP1 (Tyrosinase-verwandtes Protein 1) | autosomal-rezessiv | häufig bei Menschen afrikanischer Abstammung |
| OCA4 | SLC45A2 (Melanosomen-Membrantransporter) | autosomal-rezessiv | Häufig bei asiatischen Populationen berichtet |
| OA1 | GPR143 (G-Protein-gekoppelter Rezeptor) | X-chromosomal rezessiv | Auf das Auge beschränkt. Häufiger bei Männern, weibliche Träger haben Mosaikfundus |
OCA1 führt zu schwerstem Pigmentmangel, da die Tyrosinase-Aktivität vollständig fehlt oder stark vermindert ist. OCA2 wird durch eine Funktionsstörung des OCA2-Proteins (beteiligt an der pH-Regulation des Melanosoms) verursacht und ist die häufigste aller OCA-Formen. OCA4 beruht auf Mutationen von SLC45A2 (einem Transporter der Melanosomenmembran) und wird häufiger bei Ostasiaten berichtet.
Syndromaler Albinismus
Abschnitt betitelt „Syndromaler Albinismus“Es gibt auch syndromale Formen des Albinismus, bei denen die verminderte Melaninproduktion als Teil einer systemischen Erkrankung auftritt.
3. Hauptsymptome und klinische Befunde
Abschnitt betitelt „3. Hauptsymptome und klinische Befunde“Subjektive Symptome
Abschnitt betitelt „Subjektive Symptome“Die drei Hauptsymptome des Albinismus sind Nystagmus, Photophobie und verminderte Sehschärfe. Der Nystagmus ist meist ein horizontaler Pendelnystagmus und tritt früh nach der Geburt auf. Die Photophobie spiegelt die verminderte Lichtabschirmung durch Melanin wider und verursacht starke Beschwerden im Freien. Die verminderte Sehschärfe ist hauptsächlich auf eine foveale Hypoplasie zurückzuführen, und die korrigierte Sehschärfe liegt zwischen 0,1 und 0,5.
Fundusbefunde
Abschnitt betitelt „Fundusbefunde“Der albinotische Fundus ist ein charakteristischer Befund dieser Erkrankung; aufgrund des Melaninmangels im retinalen Pigmentepithel (RPE) sind die Aderhautgefäße durchscheinend.
Bei OCA sind die Depigmentierungsbefunde im Fundus ausgeprägt, und die Transparenz der Iris ist erhöht. Bei der Untersuchung zeigt sich bei Lichteinfall auf die Iris ein roter Reflex, und die Iris erscheint durchscheinend. Bei OA sind die retinalen Depigmentierungsbefunde relativ mild.
Beide Formen gehen mit einer fovealen Hypoplasie einher. In der OCT fehlt die foveale Vertiefung (foveal pit), und die Netzhautstruktur in der Fovea ist abgeflacht. In der Fluoreszenzangiographie ist die foveale avaskuläre Zone (FAZ) verschwunden oder verkleinert. Diese Befunde sind wichtig für die objektive Beurteilung der fovealen Hypoplasie.
ERG und Elektrophysiologie
Abschnitt betitelt „ERG und Elektrophysiologie“Das ERG ist bei X-chromosomal-rezessiver Vererbung (OA1) normal. Es gibt auch Typen, die mit starker Kurzsichtigkeit und Befunden einer unvollständigen stationären Nachtblindheit (CSNB-ähnlich) einhergehen, deren Vererbungsmuster jedoch unbekannt ist.
Befunde bei Konduktorinnen (OA1-Typ)
Abschnitt betitelt „Befunde bei Konduktorinnen (OA1-Typ)“Beim OA1-Typ (X-chromosomal-rezessiv) zeigen sich bei der Mutter als Konduktorin charakteristische Befunde im Augenhintergrund. In der peripheren Netzhaut finden sich fleckige Depigmentierungen (Mosaikfundus), die durch die ungleichmäßige X-Inaktivierung (Lyonisierung) entstehen, wodurch pigmentierte und nicht pigmentierte Zellen mosaikartig nebeneinander vorkommen. Bei der Diagnose von OA1 ist der Nachweis eines Mosaikfundus bei der Mutter ein wichtiger Hinweis für die Familienuntersuchung.
4. Ursachen und Risikofaktoren
Abschnitt betitelt „4. Ursachen und Risikofaktoren“Anomalien des Melaninsynthesewegs
Abschnitt betitelt „Anomalien des Melaninsynthesewegs“Die Melaninproduktion findet in den Melanosomen der Melanozyten (Pigmentzellen) statt. Die Aminosäure Tyrosin wird durch Tyrosinase (TYR) zu DOPA oxidiert und dann in Dopachinon umgewandelt. Aus diesem Dopachinon werden Eumelanin (schwarzbraun, hoher Lichtschutz) oder Phäomelanin (rotgelb) gebildet.
Die molekularen Mechanismen der einzelnen Typen sind wie folgt:
- OCA1 (TYR-Mutation): Aufgrund eines Mangels (OCA1a: vollständiger Mangel) oder einer verminderten Aktivität (OCA1b: temperaturabhängig) der Tyrosinase ist die Melaninproduktion vollständig oder stark eingeschränkt.
- OCA2 (OCA2-Mutation): Das OCA2-Protein reguliert den pH-Wert des Melanosoms (Chloridionentransport). Eine gestörte pH-Regulation führt zu einer indirekten Inaktivierung der Tyrosinase und verminderter Melaninproduktion.
- OCA3 (TYRP1-Mutation): TYRP1 (Tyrosinase-verwandtes Protein 1) ist an späteren Schritten der Melaninsynthese beteiligt. Ein Funktionsverlust führt zu verminderter Melaninproduktion.
- OCA4 (SLC45A2-Mutation): Der Funktionsverlust von SLC45A2 (einem Transporter in der Melanosomenmembran) beeinträchtigt die Substratzufuhr zu den Melanosomen.
- OA1 (GPR143-Mutation): Durch Funktionsverlust von GPR143 (G-Protein-gekoppelter Rezeptor auf Melanosomen) werden Melanosomen abnormal vergrößert (Makromelanosomen), was die normale Pigmentproduktion und -verteilung beeinträchtigt.
Vererbungsmuster und Risiko
Abschnitt betitelt „Vererbungsmuster und Risiko“OCA (OCA1–4) wird autosomal-rezessiv vererbt. Sind beide Eltern Träger (heterozygot), erkrankt ein Viertel (25%) der Nachkommen.
OA1 wird X-chromosomal-rezessiv vererbt. Erbt ein Junge das mutierte Gen von seiner Mutter (Trägerin), beträgt die Wahrscheinlichkeit zu erkranken 50%. Frauen sind in der Regel symptomlose Trägerinnen, zeigen aber das oben erwähnte Mosaik-Fundusbild.
Anormale Kreuzung der Nervenfasern im Chiasma opticum
Abschnitt betitelt „Anormale Kreuzung der Nervenfasern im Chiasma opticum“Normalerweise projizieren Nervenfasern der temporalen Netzhaut auf das ipsilaterale Corpus geniculatum laterale (CGL), während nur Fasern der nasalen Netzhaut im Chiasma opticum kreuzen. Bei Albinismus kommt es zu einem chiasmalen Misrouting (abnormale Kreuzung im Chiasma), bei dem auch Fasern der temporalen Netzhaut übermäßig auf die Gegenseite kreuzen. Diese Anomalie führt zu einer Störung des räumlichen Sehens und wird im visuell evozierten Potenzial (VEP) als kreuzungsasymmetrisches Muster nachgewiesen.
5. Diagnose und Untersuchungsmethoden
Abschnitt betitelt „5. Diagnose und Untersuchungsmethoden“Klinische Diagnosekriterien
Abschnitt betitelt „Klinische Diagnosekriterien“Wenn die vier Befunde – albinotischer Fundus, Nystagmus, Photophobie und Irisdiaphanie – gemeinsam vorliegen, ist die klinische Diagnose einfach. Insbesondere der albinotische Fundus ist ein hochspezifischer Befund dieser Erkrankung und hilfreich bei der Abgrenzung zu anderen Erkrankungen. Häufig wird die Erkrankung im Säuglings- oder Kleinkindalter entdeckt, wenn das Kind wegen Nystagmus oder Photophobie augenärztlich untersucht wird.
Augenärztliche Untersuchungen
Abschnitt betitelt „Augenärztliche Untersuchungen“- OCT (Optische Kohärenztomographie): Bestätigung des Fehlens der Foveavertiefung (foveal pit). Diese Untersuchung ist für die objektive Beurteilung einer Makulahypoplasie unerlässlich; das Fehlen der Vertiefung ist ein diagnostisches Kriterium.
- Fluoreszenzangiographie (FA): Bestätigung des Fehlens oder der Verkleinerung der fovealen avaskulären Zone (FAZ). Nützlich zur Beurteilung des Schweregrads der Makulahypoplasie.
- ERG (Elektroretinogramm): Bei OA1-Typ normal. Wird zur Unterscheidung von Typen mit inkomplettem CSNB-ähnlichem Befund verwendet.
- VEP (visuell evozierte Potenziale): Wird zum Nachweis von chiasmalem Misrouting verwendet. Normalerweise ist die Reaktion der kontralateralen Okzipitalregion auf Stimulation jedes Auges symmetrisch, aber bei Albinismus tritt charakteristischerweise eine kreuzende Asymmetrie (kontralaterale Dominanz bei temporalem Stimulus) auf.
Gentest
Abschnitt betitelt „Gentest“Es wird eine Suche nach den ursächlichen Genen für OCA1–4 und OA1 (GPR143) durchgeführt. Gen-Panel-Tests oder Exom-Sequenzierung werden eingesetzt. Die Bestimmung des Genotyps ist nützlich für die definitive Diagnose, genetische Beratung und Prognose (OCA1 ist am schwersten).
Differenzialdiagnose
Abschnitt betitelt „Differenzialdiagnose“Die Abgrenzung zum Waardenburg-Syndrom ist wichtig. Das Waardenburg-Syndrom ist eine autosomal-dominant vererbte Erkrankung, die durch Iris-Heterochromie, generalisierte Pigmentstörungen und Hörverlust gekennzeichnet ist und durch Mutationen in PAX3 oder MITF verursacht wird. Im Augenhintergrund finden sich leichte Depigmentierungen, jedoch im Gegensatz zum Albinismus keine foveale Hypoplasie. Das Vorhandensein von Hörverlust und der Typ der Iris-Heterochromie sind Schlüssel zur Differenzialdiagnose.
6. Standardbehandlung
Abschnitt betitelt „6. Standardbehandlung“Eine kurative Behandlung existiert nicht. Die Behandlung konzentriert sich auf individuelle symptomatische Therapie und Low-Vision-Versorgung.
Refraktionskorrektur und Amblyopiebehandlung
Abschnitt betitelt „Refraktionskorrektur und Amblyopiebehandlung“Die Refraktionskorrektur ist die wichtigste therapeutische Intervention zur Behandlung von Amblyopie. Kurzsichtigkeit und Astigmatismus werden frühzeitig korrigiert, um die visuelle Entwicklung zu fördern. Bereits im Säuglings- und Kleinkindalter werden Brillen verordnet und regelmäßige Refraktionsuntersuchungen durchgeführt.
Bei Anisometropie wird eine Amblyopiebehandlung durch Abdecken des gesunden Auges durchgeführt. Eine angemessene Refraktionskorrektur und Amblyopietherapie im Kindesalter sind direkt entscheidend für die Maximierung der verbleibenden Sehschärfe.
Blendschutzbrille (Photophobie-Maßnahme)
Abschnitt betitelt „Blendschutzbrille (Photophobie-Maßnahme)“Aufgrund des Mangels an Melanin zur Lichtblockade besteht eine anhaltende starke Lichtempfindlichkeit. Eine Blendschutzbrille (getönte Gläser) reduziert die Photophobie und verbessert die Sehqualität. Sie schützt auch im Freien vor UV-Strahlung und hellem Licht. Die Tönung der Gläser sollte je nach individuellen Symptomen ausgewählt werden, und es ist empfehlenswert, die Nutzung bereits im Kindesalter zu beginnen.
Behandlung von Nystagmus
Abschnitt betitelt „Behandlung von Nystagmus“Chirurgische Eingriffe (Augenmuskeloperationen) bei Nystagmus sind nicht üblich. Bei auffälliger Kopfzwangshaltung kann eine Prismenbrille zur Verbesserung der Kopfhaltung eingesetzt werden. Die Auswirkung des Nystagmus auf die Sehschärfe variiert von Fall zu Fall, aber mit zunehmendem Alter neigt der Nystagmus dazu, weniger auffällig zu werden.
Low-Vision-Versorgung
Abschnitt betitelt „Low-Vision-Versorgung“Da die Sehbehinderung bei dieser Erkrankung schwer zu heilen ist, ist eine Low-Vision-Versorgung, die das verbleibende Sehvermögen optimal nutzt, von großer Bedeutung.
- Optische Hilfsmittel: Vergrößerungsgläser (Monokular, Binokular, Lupenbrille), Bildschirmlesegeräte
- Nichtoptische Hilfsmittel: Vergrößerte Lehrbücher/Arbeitsblätter, Leseständer, Tablet-Computer
- Optimierung der Beleuchtungsumgebung: Blendung vermeiden und gleichzeitig die erforderliche Beleuchtungsstärke sicherstellen
- Unterstützung in der Schule: Sitzplatzanordnung (Nähe zur Tafel), vergrößerte Materialien, Nutzung von Tablets
Im Schulalter ist die Anpassung der Lernumgebung (Sitzplatzanordnung, vergrößerte Materialien) für die Lernunterstützung unerlässlich. Eine Zusammenarbeit mit spezialisierten Einrichtungen für Sehrehabilitation ist wünschenswert.
Hautpflege (bei OCA)
Abschnitt betitelt „Hautpflege (bei OCA)“Bei OCA ist die Schutzfunktion gegen UV-Strahlung aufgrund des Melaninmangels in der Haut vermindert. Ein konsequenter UV-Schutz (Sonnencreme mit LSF 30 oder höher, Tragen von Hüten und langärmliger Kleidung, Verwendung von Sonnenschirmen) ist unerlässlich. Langfristig steigt das Risiko für Hautkrebs (Basalzellkarzinom, Plattenepithelkarzinom), daher ist eine regelmäßige dermatologische Nachsorge wichtig.
Genetische Beratung
Abschnitt betitelt „Genetische Beratung“Sowohl OCA (autosomal-rezessiv) als auch OA1 (X-chromosomal-rezessiv) sind Erbkrankheiten, weshalb eine genetische Beratung für die Familie wichtig ist. Das Wiederholungsrisiko sollte je nach Erbgang genau vermittelt und die Bedeutung der Anlageträgerdiagnostik (insbesondere bei Müttern von OA1-Patienten) erläutert werden.
7. Pathophysiologie und detaillierter Pathomechanismus
Abschnitt betitelt „7. Pathophysiologie und detaillierter Pathomechanismus“Molekulare Mechanismen der einzelnen Typen
Abschnitt betitelt „Molekulare Mechanismen der einzelnen Typen“Die Melaninsynthese findet in den Melanosomen der Melanozyten statt. Tyrosinase fungiert als geschwindigkeitsbestimmendes Enzym im Syntheseweg von Tyrosin über DOPA und Dopachinon zu Eumelanin (schwarzbraun) oder Phäomelanin (rotgelb).
Die molekularen Merkmale der einzelnen Typen sind im Folgenden aufgeführt.
- OCA1: Die Melaninproduktion ist nahezu aufgehoben aufgrund eines Aktivitätsverlusts (OCA1a) oder einer starken Verminderung (OCA1b: temperaturabhängige Mutation) der Tyrosinase (TYR). Dies ist der schwerste Subtyp.
- OCA2: Der Funktionsverlust des OCA2-Proteins (ein Membranprotein des Melanosoms, das am Chloridionentransport beteiligt ist) führt zu einem Anstieg des pH-Werts im Melanosom, wodurch die Tyrosinase indirekt inaktiviert wird.
- OCA3: Der Funktionsverlust von TYRP1 (Tyrosinase-verwandtes Protein 1) beeinträchtigt spezifisch die Produktion von Eumelanin.
- OCA4: Der Funktionsverlust von SLC45A2 (einem Melanosomen-Membrantransporter) stört die Substratzufuhr zum Melanosom. Dieser Subtyp ist bei Ostasiaten häufig.
- OA1: Funktionsverlust von GPR143 (G-Protein-gekoppelter Rezeptor auf Melanosomen) führt zu vergrößerten Melanosomen (Makromelanosomen) und beeinträchtigt die Pigmentproduktion und -verteilung.
Pathogenese der Foveahypoplasie
Abschnitt betitelt „Pathogenese der Foveahypoplasie“Während der Embryonalentwicklung ist für die normale Differenzierung der Fovea ein Melanozyten-Signal aus dem retinalen Pigmentepithel (RPE) erforderlich. Wenn dieses Signal durch Melaninmangel gestört wird, erfolgt die Migration und Ansammlung der Zapfenzellen in der Fovea nicht vollständig, und die Fovea-Grube bildet sich nicht aus (Foveahypoplasie). Diese Entwicklungsstörung ist nach der Geburt nicht korrigierbar, sodass die Foveahypoplasie ein permanenter Befund bleibt.
Pigmentmangel im retinalen Pigmentepithel und Lichtstreuung
Abschnitt betitelt „Pigmentmangel im retinalen Pigmentepithel und Lichtstreuung“Das Melanin des normalen RPE absorbiert einfallendes Licht, verhindert Lichtstreuung und verbessert die Sehqualität. Bei Albinismus fehlt das Melanin im RPE, was zu erhöhter Lichtstreuung im Auge, verminderter Kontrastempfindlichkeit und Sehstörungen führt.
Chiasmal misrouting (abnorme Kreuzung im Chiasma opticum)
Abschnitt betitelt „Chiasmal misrouting (abnorme Kreuzung im Chiasma opticum)“Normalerweise kreuzen die Nervenfasern der nasalen Netzhaut zur Gegenseite im Chiasma, während die Fasern der temporalen Seite auf derselben Seite projizieren (nicht kreuzend). Bei Albinismus ist diese Trennung gestört, und selbst die temporalen Fasern, die normalerweise nicht kreuzen sollten, kreuzen übermäßig zur Gegenseite (chiasmal misrouting).
Diese Anomalie stört das Gleichgewicht der Eingaben von rechtem und linkem Auge in die kontralaterale Hemisphäre und beeinträchtigt die Bildung des binokularen Tiefensehens. Im VEP zeigt sich dies als „kreuzende Asymmetrie“, bei der auf einen Augenreiz hin auch auf der kontralateralen Okzipitalregion, die eigentlich nicht antworten sollte, eine große positive Welle aufgezeichnet wird. Dieser Befund ist charakteristisch für die elektrophysiologische Diagnose dieser Erkrankung.
8. Prognose und Verlauf
Abschnitt betitelt „8. Prognose und Verlauf“Okulokutaner Albinismus und okulärer Albinismus sind beide nicht-progressive Erkrankungen. Die Symptome verschlechtern sich mit dem Alter nicht und verlaufen relativ stabil.
Der Schweregrad der Sehbehinderung variiert stark je nach Typ. OCA1 ist der schwerste Typ und hat die schlechteste Sehprognose unter den Albinismusformen. OCA2, 3, 4 und OA1 sind oft milder. Die korrigierte Sehschärfe liegt zwischen 0,1 und 0,5, wobei der Grad der fovealen Hypoplasie der wichtigste prognostische Faktor ist.
Mit zunehmendem Alter wird der Nystagmus oft weniger auffällig. Dies wird auf die Entwicklung der Fixationsfähigkeit und kompensatorische Anpassungen zurückgeführt, und die Verringerung des Nystagmus kann zur Verbesserung der Sehschärfe beitragen.
Langfristige Low-Vision-Versorgung ist unerlässlich, um die Sehfunktion zu erhalten und die Lebensqualität zu verbessern. Im Schulalter ist die Anpassung der Lernumgebung erforderlich, ab der Jugendzeit sind Berufsausbildung und Arbeitsunterstützung je nach Lebensphase gefragt.
Bei syndromalem Albinismus (Chédiak-Higashi-Syndrom, Hermansky-Pudlak-Syndrom) ist neben den Augenmerkmalen auch auf die Prognose systemischer Komplikationen (Immunschwäche, Blutungsneigung) zu achten. Bei OCA führt der Melaninmangel der Haut zu einer deutlich verminderten Schutzfunktion gegen UV-Strahlung, wodurch langfristig das Risiko für Hautkrebs (Basalzellkarzinom, Plattenepithelkarzinom) steigt.
Der korrigierte Visus variiert je nach Ausprägung der Makulahypoplasie zwischen 0,1 und 0,5. Eine Heilung gibt es nicht, aber durch geeignete Refraktionskorrektur und Low-Vision-Versorgung kann das Restsehvermögen optimal genutzt werden. Mit dem Wachstum nimmt der Nystagmus tendenziell ab, was zu einer Verbesserung der Sehfunktion führen kann.
OCA geht mit einer weitreichenden Pigmentminderung von Haut, Haaren und Augen einher, während OA nur auf die Augen beschränkt ist. OA wird X-chromosomal rezessiv vererbt; mosaikartige Depigmentierungsflecken in der peripheren Netzhaut der Mutter können ein Hinweis auf die Konduktorinnendiagnose sein. Eine genetische Untersuchung (GPR143-Gen) ermöglicht die definitive Diagnose.
Das regelmäßige Tragen einer Sonnenschutzbrille (gegen Blendung), UV-Schutz (Sonnencreme, Hut, lange Kleidung) und die Optimierung der Innenraumbeleuchtung sind wichtig. Als Sehhilfen sind Lupen und Bildschirmlesegeräte nützlich. Im Schulalter sind Anpassungen der Lernumgebung (Sitzplatz, vergrößerte Materialien) für die Lernunterstützung erforderlich. Für die Haut sind tägliche Selbstuntersuchung und regelmäßige dermatologische Kontrollen zur langfristigen Prävention von Hautkrebs wichtig.
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