Visuelles-Schnee-Syndrom
Persistenz: länger als 3 Monate
Ausmaß: beidseitig, gesamtes Gesichtsfeld
Zusätzliche Symptome: drei oder mehr, einschließlich Palinopsie
Augenärztliche Untersuchung: unauffällige Befunde
Das Visual-Snow-Syndrom (Visual Snow Syndrome: VSS) ist eine neuroophthalmologische Erkrankung, bei der bilaterale, anhaltende, dynamische flimmernde Punkte im gesamten Gesichtsfeld auftreten 2). Patienten beschreiben es oft als “Schnee”, “Fernsehrauschen” oder einen “pixeligen Bildschirm”. Die Punkte sind meist schwarz-weiß, können aber auch farbig, transparent oder blitzartig sein. In der Regel fällt es auf einfarbigen Hintergründen stärker auf und ist auf strukturierten Hintergründen weniger auffällig.
Früher wurde es als anhaltende Migräneaura angesehen, heute ist es jedoch als eigenständiges Krankheitskonzept etabliert 1). Manche Patienten nehmen es seit der Kindheit lebenslang wahr, und es gibt auch Fälle mit akutem Beginn. Für die Diagnose ist die Unterscheidung zwischen primär (Ursache unbekannt) und sekundär (durch Medikamente oder neurologische Erkrankungen bedingt) wichtig.
Die derzeit am häufigsten verwendeten Diagnosekriterien nach Schankin et al. (2014) 1) bestehen aus den folgenden vier Punkten.
Es handelt sich um unterschiedliche Krankheitskonzepte. Die Migräneaura ist episodisch (sie dauert 5 bis 60 Minuten), während VSS anhaltend ist. Migräne tritt zwar in 30 bis 60 % der Fälle begleitend auf, VSS besteht jedoch unabhängig von Migräneanfällen fort und wird daher als eigenständige Erkrankung behandelt.
Visual Snow (Kernsymptom): flimmernde kleine Punkte im gesamten Gesichtsfeld. Sie sind meist schwarz-weiß, können aber auch farbig oder transparent sein. Sie bestehen sowohl in dunkler als auch in heller Umgebung fort.
Palinopsie: Ein Bild bleibt auch nach dem Verschwinden des visuellen Reizes als Nachbild bestehen. Als Ursache wird eine unnormal anhaltende visuelle Erinnerung vermutet.
Photophobie: schmerzhafte Empfindlichkeit gegenüber Lichtreizen. Sie kann die Lebensqualität im Alltag deutlich beeinträchtigen.
Nyktalopie (nyctalopia): verminderte Nachtsehfähigkeit. Vermutet wird ein Zusammenhang mit einer gestörten Regulation der visuellen Eingänge und einer Funktionsstörung der Zapfen-Stäbchen-Interaktion3).
Zunahme entoptischer Phänomene: Floater, spontane Lichtblitze, blue field entoptic phenomenon (die Wahrnehmung, die dem Sehen von weißen Blutkörperchen beim Blick in den blauen Himmel entspricht) und self-light of the eye (ein wirbelndes Lichtgefühl in der Dunkelheit) treten stärker hervor.
Migräne: Sie tritt in etwa 50 % der Fälle begleitend auf. In derselben Studie wurde Migräne bei 54,1 % der nicht medikamenteninduzierten VSS-Gruppe festgestellt, also etwa doppelt so häufig wie in der Allgemeinbevölkerung, und der Anteil der Patienten mit Migräne mit visueller Aura war hoch4).
Tinnitus: Hochfrequenter, anhaltender Tinnitus ist häufig, und man geht davon aus, dass er durch eine erhöhte spontane Aktivität in den subkortikalen Hörbahnen verursacht wird. Er kann sich bei konzentrierter Aufmerksamkeit verstärken.
Hyperakusis, kutane Allodynie und Tremor: Eine sensorische Überempfindlichkeit kann mehrere Modalitäten betreffen5).
Psychosoziale Auswirkungen: Konzentrationsschwierigkeiten, Müdigkeit, Depressionen, Angst und Gleichgewichtsstörungen wurden berichtet6, 7).
Bei einer systematischen neuro-ophthalmologischen Untersuchung von 20 Fällen durch Yoo et al. wurde bestätigt, dass alle folgenden Befunde normal waren6).
Charakteristisch für diese Erkrankung ist, dass in fast allen Fällen die routinemäßigen augenärztlichen und neuroophthalmologischen Untersuchungen unauffällig sind.
VSS wird nicht als Erkrankung des Auges selbst, sondern als Störung der kortikalen Verarbeitung visueller Informationen angesehen. Vermutet wird eine Funktionsstörung hinter dem lateralen Genikularkörper (auf Ebene der Großhirnrinde), die mit routinemäßigen Augenuntersuchungen nicht nachweisbar ist. Eine kortikale Übererregbarkeit im Gyrus lingualis und im primären visuellen Kortex gilt als Grundlage der Symptome.
Die meisten Fälle sind primär (Ursache unbekannt). Als Risikofaktor gilt eine Migräneanamnese, insbesondere mit Aura, als wichtig.
Medikamentenbedingt: Eine durch Methylphenidat ausgelöste VSS wurde berichtet, und es gibt Fälle, die sich nach Umstellung auf Atomoxetin gebessert haben25). Alkohol und Freizeitdrogen können die Symptome verschlimmern oder auslösen.
HPDD (Halluzinogen-Persistenzwahrnehmungsstörung): Bei Patienten mit einer Vorgeschichte von Halluzinogenkonsum können ähnliche Symptome auftreten. Die Symptome ähneln VSS, aber der Entstehungsmechanismus ist anders, und die Erhebung der Drogenanamnese im Gespräch ist der Schlüssel zur Differenzialdiagnose.
Wiederholte leichte traumatische Hirnverletzung: VSS kann nach einer Gehirnerschütterung oder einer leichten traumatischen Hirnverletzung auftreten, und die neurovisuelle Funktionsdiagnostik sowie die Therapieauswahl werden berücksichtigt5).
Kleinhirninfarkt: Über eine Umwandlung von episodischem in chronisches VSS nach einem Infarkt im Versorgungsgebiet der Arteria cerebelli superior wurde berichtet18).
Die sichere Diagnose beruht auf einer ausführlichen Anamnese. Derzeit gibt es keinen spezifischen Bestätigungstest.
In der Anamnese zu klärende Punkte:
In der routinemäßigen klinischen Praxis ist dies keine notwendige Untersuchung, in der Forschung wurden jedoch die folgenden Befunde berichtet.
| Untersuchung | Wesentliche Befunde | Literatur |
|---|---|---|
| fMRT | Übermäßige Konnektivität zwischen posterolateralen temporalen, frontalen und parietalen Bereichen; Zunahme der grauen Substanz im rechten Gyrus lingualis | Aldusary 202010) |
| FDG-PET | Erhöhter Stoffwechsel im rechten Gyrus lingualis, verminderter Stoffwechsel im Gyrus temporalis superior und im Lobulus parietalis inferior | Schankin 202011) |
| MEG | Erhöhte Gammawellenleistung (40–70 Hz) im primären visuellen Kortex, verminderte Alpha-Gamma-Phase-Amplituden-Kopplung | Hepschke 202112) |
| DTI | Auffälligkeiten der frontalen, temporalen und okzipitalen weißen Substanz mit Veränderungen im Fasciculus longitudinalis superior, Fasciculus longitudinalis medius und im Sagittalstratum | Michels 202113) |
| Quantitative MRT | Verminderte T1-Werte in der kortikalen grauen Substanz des Großhirns, im Thalamus, im Globus pallidus und im Putamen | Strik 202230) |
| ASL-MRT | Erhöhter regionaler zerebraler Blutfluss im Cuneus, Precuneus, posterioren cingulären Kortex und anderen Bereichen in Ruhe und bei visueller Stimulation | Puledda 202216) |
Visuelles-Schnee-Syndrom
Persistenz: länger als 3 Monate
Ausmaß: beidseitig, gesamtes Gesichtsfeld
Zusätzliche Symptome: drei oder mehr, einschließlich Palinopsie
Augenärztliche Untersuchung: unauffällige Befunde
Migräneaura
Dauer: episodisch (5–60 Minuten)
Visuelle Symptome: positive Symptome wie ein Flimmerskotom
Bezug zu Kopfschmerzen: geht voraus oder tritt begleitend auf
Verlauf: klingt spontan ab
HPPD (anhaltende Wahrnehmungsstörung durch Halluzinogene)
Erforderliche Voraussetzung: Vorgeschichte von Halluzinogenkonsum
Symptome: ähnlich wie VSS
Entstehungsmechanismus: medikamenteninduziert
Wichtiger Differenzialpunkt: genaue Prüfung der Medikamentenanamnese
Zu den weiteren Differenzialdiagnosen zählen beidseitige Optikusneuropathien (Methanolvergiftung, Ischämie, LHON, Folat-/B12-Mangel) sowie beidseitige Netzhauterkrankungen8).
Warnzeichen, die eine weiterführende Abklärung erfordern (eine organische Erkrankung muss ausgeschlossen werden):
Es gibt derzeit keinen spezifischen Bestätigungstest. Die Diagnose basiert auf Anamnese und Ausschlussdiagnostik. Unauffällige Routine-Augenuntersuchungen (Sehschärfe, Gesichtsfeld, ERG, OCT) können umgekehrt ein Hinweis auf die Diagnose sein. Bei akutem Beginn oder Einseitigkeit wird per MRT eine organische Erkrankung ausgeschlossen.
Wichtig: Es gibt derzeit keine etablierte Standardtherapie. Auch die Pathophysiologie ist noch nicht geklärt, und auf dem Krankheitsmechanismus basierende Behandlungen sowie RCTs wurden bislang noch nicht durchgeführt.
In einer Untersuchung von 400 VSS-Patienten durch Puledda et al.21) wurden die folgenden Medikamente mit vergleichsweise hohen Besserungsraten berichtet.
In Einzelfallberichten waren Lamotrigin 25 mg/Tag, Topiramat 25 mg/Tag, Acetazolamid 750 mg/Tag und Propranolol 20 mg/Tag (je 2 Fälle) alle unwirksam6).
Zu beachtende Medikamente:
Farbfilter / getönte Gläser: Berichte deuten darauf hin, dass FL-41-Brillen und Filter im gelb-blauen Spektrum bei Lichtempfindlichkeit helfen können24). Blau-violettes Licht kann die Erregung der S-Zapfen (kurzwellenempfindlich) selektiv erhöhen und die Symptome verschlimmern19).
Repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS): Eine 10+1-Hz-rTMS soll nach 1 Woche den Gesamt-Intensitätsscore von Visual Snow verringert haben (n=9)22). In einem anderen offenen Machbarkeitsprotokoll war die Aufnahme von bis zu 10 Fällen geplant, doch die Studie berichtete keine Wirksamkeitsergebnisse23).
Phenylephrin-Augentropfen: Ein Fallbericht beschrieb eine teilweise Besserung der Nachtblindheit24).
Berichte über eine spontane Remission sind begrenzt, und bei den meisten verläuft die Erkrankung chronisch und anhaltend. Es gibt keine etablierte Behandlung, aber bei einigen Patienten wurde unter Lamotrigin, rTMS und anderen Ansätzen eine Besserung der Symptome berichtet. Farbfiltergläser können helfen, die Lichtempfindlichkeit zu lindern. Ein realistisches Ziel ist es, die Lebensqualität möglichst gut zu erhalten und mit den Symptomen gut zu leben.
Die Pathophysiologie ist zwar noch ungeklärt, aber aus mehreren neurobildgebenden Studien haben sich folgende Befunde angesammelt.
Da Visual Snow im gesamten Gesichtsfeld auftritt, wird vermutet, dass der Ursprung hinter dem Corpus geniculatum laterale liegt, wo die visuellen Eingänge beider Augen zusammengeführt werden (auf Ebene der Großhirnrinde)9). Auch normale augenärztliche Befunde stützen dies. Es gilt eher als Problem der Verarbeitung visueller Informationen denn als strukturelles Problem.
Der Gyrus lingualis ist eine an der visuellen Nachverarbeitung beteiligte Region, und bei VSS wurden dort konsistente Auffälligkeiten berichtet.
Studien mit MEG zeigten eine Zunahme der Gammawellenleistung (40–70 Hz) und eine Abnahme der Alpha-Gamma-Phasen-Amplituden-Kopplung im primären visuellen Kortex, was auf eine Störung des Rauschunterdrückungsmechanismus des visuellen Kortex hindeutet12).
Andererseits ist die magnetische Suppressions-Wahrnehmungsgenauigkeit (MSPA) bei VSS normal, was darauf hindeutet, dass die Hemmung im primären visuellen Kortex selbst möglicherweise erhalten ist20).
Kennzeichnend ist eine Beeinträchtigung mehrerer Netzwerke statt einer einzelnen strukturellen Auffälligkeit.
Es wurde gezeigt, dass sich die Symptome durch eine Farbmodulation verschlechtern, die die Erregung der S-Zapfen (kurzwellenempfindliche „blaue“ Zapfen) selektiv erhöht19), und es wurde die Hypothese aufgestellt, dass eine Modulation der koniocellulären (KC-) Bahn die Aktivität der parvozellulären und magnozellulären Bahnen erhöht, sodass unterschwellige visuelle Reize bewusst werden.
Zentrale Hypererregbarkeit/kortikale Desinhibition und Störung der Netzwerke für sensorische Verarbeitung und Aufmerksamkeit gelten als Grundlage von visual snow. Die Hypothese der „stochastischen Resonanz (stochastic resonance)“ besagt, dass intern erzeugte visuelle Signale unterhalb der Schwelle, die normalerweise unterdrückt werden, ins Bewusstsein gelangen können; damit ließen sich auch verstärkte Tinnitus-, Lichtscheu- und intraokulare Phänomene erklären.
In einer Reihe von Studien von Solly et al. wurden Augenbewegungsaufgaben (prosaccade/antisaccade/IOR) verwendet, um Veränderungen der visuellen Verarbeitung bei VSS-Patienten objektiv zu beurteilen.
Eine verkürzte Prosakkaden-Latenz27), mehr Antisakkaden-Fehler28) und eine verzögerte Auslösung der Inhibition of Return (IOR)29) wurden berichtet, was auf ein Potenzial als objektive Indikatoren für das zukünftige Monitoring des Therapieansprechens hinweist.
In der Studie von Grey et al. (n=9) reduzierte 10+1 Hz rTMS die Gesamtintensität von VS nach 1 Woche signifikant22). Grande et al. berichteten ein unverblindetes Machbarkeitsstudien-Protokoll mit bis zu 10 Fällen, aber der Artikel berichtete keine Wirksamkeitsergebnisse23). Sicherheit und Wirksamkeit der nichtinvasiven Hirnstimulation des visuellen Kortex werden weiterhin untersucht.
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