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Netzhaut und Glaskörper

Westafrikanische kristalline Makulopathie

1. Was ist die westafrikanische kristalline Makulopathie?

Abschnitt betitelt „1. Was ist die westafrikanische kristalline Makulopathie?“

Die westafrikanische kristalline Makulopathie (West African Crystalline Maculopathy; WACM) ist eine seltene idiopathische Makulopathie, die bei Menschen westafrikanischer Herkunft auftritt. Sie ist gekennzeichnet durch doppelbrechende gelb-grüne Kristallablagerungen in der Nähe der Fovea, ist in der Regel asymptomatisch und kann bilateral oder unilateral auftreten.

Im Jahr 2003 berichteten David Sarraf et al. erstmals über sechs nicht verwandte Erwachsene mittleren Alters (54–69 Jahre) vom Igbo-Stamm im Südosten Nigerias. 1) Bis heute wurden in der Literatur weniger als 30 Fälle berichtet. 1)

Das Auftreten erfolgt in der Regel zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr. Der jüngste in der Literatur berichtete Fall ist eine 39-jährige Nigerianerin. 1)

Betroffene ethnische Gruppen und Regionen sind:

  • Nigeria: Igbo (Südosten), Ibibio, Yoruba, Stämme des Delta-Staates
  • Liberia: Bassa
  • Ghana: Akan, Ewe, Ashanti
  • Sierra Leone: Kreolisch, Korno
  • Andere: Guinea, Kamerun, möglicherweise Ägypten
Q Kann WACM auch bei Personen auftreten, die nicht aus Westafrika stammen?
A

Fast alle bisher berichteten Fälle gehören zu ethnischen Gruppen westafrikanischer Herkunft (oder westafrikanischer Abstammung). Die geografische und ethnische Häufung ist auffällig und deutet auf eine genetische Veranlagung oder gemeinsame Umweltfaktoren in Westafrika hin. 1) WACM bei Personen außerhalb Westafrikas ist derzeit nicht ausreichend dokumentiert.

WACM ist in der Regel asymptomatisch. Die Kristallablagerungen selbst verursachen bekanntermaßen keine Sehverschlechterung und werden oft zufällig bei einer augenärztlichen Untersuchung aus anderen Gründen entdeckt.

Bei Vorliegen begleitender Netzhautgefäßerkrankungen, die die Makula betreffen (diabetische Retinopathie, Netzhautvenenverschluss usw.), kann eine dadurch bedingte Sehverschlechterung beobachtet werden. Farbsehtests und Humphrey-Gesichtsfeld sind in der Regel normal.

In der Fundusbiomikroskopie zeigen sich Cluster doppelbrechender gelb-grüner Kristalle in der inneren Netzhautschicht des fovealen Bereichs.

Eigenschaften der Kristalle

Farbe und Form: Cluster doppelbrechender gelb-grüner Kristalle

Lokalisation: Innere Netzhautschicht nahe der Fovea (parafoveal)

Verteilung: Begrenzt auf die foveale avaskuläre Zone. Außerhalb der seitlichen Gefäßbögen nicht zu sehen

Sonstiges: Keine parafoveale ringförmige Ablagerung. Keine perivaskuläre Bevorzugung

Bildgebende Befunde

Farbfundusfotografie : gelb-grüne Kristalle in der Nähe der Fovea sichtbar

Multicolor-Konfokal-SLO : Kristalle deutlicher als in der Farbfundusfotografie darstellbar1)

OCT : hyperreflektive Foci in der inneren Netzhaut, beidseits nachweisbar1)

Autofluoreszenz und FFA : in der Regel unauffällig1)

Die Kristalle sind meist bilateral, es wurden jedoch auch einseitige oder deutlich asymmetrische Fälle berichtet.1) Mit einem rotierenden Polarisationsfilter kann die Doppelbrechung der Kristalle bestätigt werden.

Q Lassen sich die Kristalle der WACM von anderen kristallinen Makulopathien durch ihr Aussehen unterscheiden?
A

Die Kristalle der WACM sind gelb-grün, clusterförmig in der Nähe der Fovea abgelagert und finden sich nicht außerhalb der temporalen Gefäßbögen. Sie zeigen keine parafoveolären ringförmigen Ablagerungen oder eine Bevorzugung periarteriolärer Bereiche, was zur Abgrenzung von anderen kristallinen Makulopathien beiträgt. Zur endgültigen Diagnose müssen jedoch andere Ursachen ausgeschlossen werden.

Die Pathophysiologie der WACM und die Zusammensetzung der Kristalle sind noch unbekannt.1) Bisher wurden folgende Faktoren als Hypothesen aufgestellt.

Vermutete assoziierte Faktoren

  • Konsum von Kolanüssen : Alle 6 initial berichteten Fälle hatten eine Vorgeschichte von Kolanusskonsum. Spätere Berichte beschreiben jedoch auch Fälle ohne Kolanusskonsum, ein direkter kausaler Zusammenhang wurde nicht nachgewiesen.1)
  • Malariamittel (Chloroquin, Chinin) : Ein Zusammenhang mit medikamenteninduzierten Kristallablagerungen wird vermutet.
  • Vollnarkose : In einigen Fällen wurde ein Zusammenhang berichtet.
  • Westafrikanische Lebensmittel : Maniok, Palmöl, Afang-Grün, Edo-Grün, Kochbananen, Kürbisblätter usw.

Faktoren, die möglicherweise am Krankheitsmechanismus beteiligt sind

  • Gefäßerkrankungen als Begleiterkrankungen : Viele Fälle weisen Begleiterkrankungen wie Diabetes/diabetische Retinopathie, Sichelzellkrankheit, Netzhautvenenverschluss und familiäre exsudative Vitreoretinopathie auf. Es wurde vorgeschlagen, dass ein Defekt der Blut-Retina-Schranke zur Kristallablagerung beiträgt. 1)
  • Genetische Faktoren : Die meisten Fälle treten bei nicht verwandten Personen auf, und es wurde kein eindeutiges Vererbungsmuster festgestellt. Eine mögliche Stoffwechselstörung im Zusammenhang mit einer genetischen Veranlagung kann nicht ausgeschlossen werden.
  • Umweltfaktoren : Es wurde ein Zusammenhang mit Umweltbelastungen vermutet, die in Westafrika häufig vorkommen. 1)
  • Degenerative Faktoren : Basierend auf der Tatsache, dass die Erkrankung mindestens bei Patienten ab dem 50. Lebensjahr berichtet wurde.

Die Diagnose von WACM ist eine Ausschlussdiagnose basierend auf dem klinischen Erscheinungsbild von Kristallablagerungen in der Nähe der Fovea bei einem Patienten westafrikanischer Herkunft. 1)

Die folgenden Informationen systematisch erfassen:

  • Herkunft/ethnischer Hintergrund : Westafrikanische Herkunft
  • Alter bei Beginn : In der Regel 40–70 Jahre
  • Ernährungsgewohnheiten : Konsum von Kolanüssen, Rhabarber und traditionellen westafrikanischen Lebensmitteln
  • Medikamentenanamnese : Verwendung von Chloroquin/Chinin (Malariabehandlung), Tamoxifen, Canthaxanthin, Nitrofurantoin, intravenösen Drogen (Talkum), Anästhetika (Methoxyfluran) 1)
  • Augenärztliche Vorgeschichte: Netzhautablösung, Augenoperationen in der Vorgeschichte
  • Allgemeine Vorgeschichte: Diabetes, Bluthochdruck, Nierenerkrankungen
  • OCT (Optische Kohärenztomographie): Nachweis hyperreflektiver Ablagerungen in der inneren Netzhaut. Sie erscheinen als bilaterale oder asymmetrische hyperreflektive Foci in der inneren Netzhaut. Die Lokalisation der Kristalle variiert je nach Studie: einige berichten sie in den inneren Netzhautschichten und der inneren Grenzmembran, andere in der Henle-Schicht, der äußeren plexiformen Schicht oder der Körnerschicht. 1)
  • Multicolor-konfokale Scanning-Laser-Ophthalmoskopie (SLO): Stellt Kristalle deutlicher dar als die Farbfundusfotografie. Erster berichteter Einsatz bei WACM. 1)
  • Rotationspolarisationsfilter: Kann die Doppelbrechung der Kristalle bestätigen.
  • Fundusautofluoreszenz (FAF): In der Regel unauffällig. 1)
  • Fluoreszenzangiographie (FFA): In der Regel keine angiographischen Veränderungen entsprechend den Kristallen, kann aber bei begleitender Gefäßerkrankung Leckagen aus Neovaskularisationen zeigen. 1)
  • Elektrophysiologische Untersuchungen: In der Regel normal, aber in einigen Fällen können Anomalien der photopischen und skotopischen Reaktionen auftreten.

Es ist unerlässlich, die Differenzialdiagnosen der kristallinen Makulopathie systematisch auszuschließen.

KategorieKrankheitsname
Systemische ErkrankungenOxalose, Cystinose, Hyperornithinämie, Sjögren-Larsson-Syndrom, Kjer-Syndrom
MedikamenteninduziertTalkum, Tamoxifen, Canthaxanthin, Nitrofurantoin, Methoxyfluran
Lokale AugenerkrankungenIdiopathische parafoveale Teleangiektasie, Bietti-Kristalline-Netzhautdystrophie, verkalkte Makuladrusen, chronische Netzhautablösung

Die Bietti-Kristalline-Netzhautdystrophie (Bietti crystalline dystrophy) ist eine autosomal-rezessive Erkrankung aufgrund einer Anomalie des CYP4V2-Gens, die in Ostasien (Japan, China) häufig vorkommt. Sie unterscheidet sich im Verlauf deutlich von der WACM, da sie zu fortschreitenden Gesichtsfeld- und Sehschärfeverlusten führt. Hinsichtlich medikamenteninduzierter Kristallablagerungen ist bekannt, dass Tamoxifen (Phospholipidstoffwechselstörung), Canthaxanthin (Lebensmittelfarbstoff), Methoxyfluran (Inhalationsanästhetikum), Talkum (Tablettenhilfsstoff) und Nitrofurantoin (Harnwegsinfektionsmittel) ebenfalls Kristallablagerungen in der Netzhaut verursachen können.

Q Die WACM gilt als Ausschlussdiagnose, aber gibt es keinen Test zur definitiven Diagnose?
A

Derzeit gibt es keinen etablierten biochemischen oder genetischen Test, der spezifisch für die WACM ist. 1) Die Diagnose wird gestellt, indem die charakteristischen Fundusbefunde (gelb-grüne Kristalle nahe der Fovea) bei Patienten westafrikanischer Herkunft bestätigt werden und alle anderen Ursachen einer kristallinen Makulopathie, wie medikamenteninduzierte, systemische oder lokale Augenerkrankungen, ausgeschlossen werden.

Es gibt keine spezifische Behandlung für die WACM. Da die WACM selbst asymptomatisch ist und das Sehvermögen nicht bedroht, wird in der Regel eine Beobachtung empfohlen.

Wenn begleitende Netzhautgefäßerkrankungen (diabetische Retinopathie, Netzhautvenenverschluss usw.) vorliegen, ist es wichtig, diese Erkrankungen angemessen zu behandeln.

Die Pathophysiologie der WACM ist noch nicht vollständig geklärt. Im Folgenden werden die derzeit wichtigsten Hypothesen vorgestellt.

Störung der Blut-Retina-Schranke

Die stärkste Hypothese ist, dass der Zusammenbruch der Blut-Retina-Schranke (blood-retinal barrier) das Eindringen von körpereigenen oder umweltbedingten Substanzen in die Netzhaut fördert. Die häufige Begleitung von Gefäßerkrankungen wie der diabetischen Retinopathie in vielen Fällen unterstützt diese Hypothese. 1) Ein einseitiges oder asymmetrisches Auftreten könnte durch einen Zusammenhang mit einer einseitigen Uveitis oder einer Netzhautgefäßerkrankung erklärt werden.

Beteiligung der Müller-Zellen

Eine Funktionsstörung der Müller-Zellen (Müller cell), die zur Zerstörung der inneren Blut-Retina-Schranke führt, wird als Pathophysiologie hypothetisiert. Dies würde die Homöostase in der Netzhaut stören und zur Ansammlung kristalliner Substanzen führen.

Zusammensetzung und Bildung der Kristalle

Die chemische Zusammensetzung der Kristalle ist unbekannt, aber ein Zusammenhang mit Xanthophyllen (Makulapigment) wurde vermutet. 1) Kristalle können sich über mehrere Monate bilden. Die Lokalisation der Kristalle wird in Studien unterschiedlich angegeben; berichtet wurden die inneren Netzhautschichten, die innere Grenzmembran oder die Henle-Schicht, die äußere plexiforme Schicht und die Körnerschicht.

Genetische und metabolische Faktoren

Die geografische Häufung in bestimmten ethnischen Gruppen/Stämmen Westafrikas deutet auf eine genetische Veranlagung oder gemeinsame Umweltfaktoren in dieser Population hin. 1) Da jedoch die meisten Fälle nicht verwandte Personen sind und Familienfälle selten sind, ist eine einfache Erbkrankheit unwahrscheinlich.


7. Aktuelle Forschung und Zukunftsperspektiven (Berichte aus der Forschungsphase)

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WACM ist eine äußerst seltene Erkrankung, und derzeit gibt es keine veröffentlichten Berichte über langfristige Sehkomplikationen. 1) Die Aufklärung der Ätiologie und Kristallzusammensetzung sowie Langzeitverlaufsstudien sind zukünftige Herausforderungen.

Umunakwe et al. (2022) berichteten über die erste Anwendung der Multicolor-Konfokalen Scanning-Laser-Ophthalmoskopie (SLO) und der Kurzwellen-Autofluoreszenz-Bildgebung bei einem WACM-Fall eines 71-jährigen Igbo-Mannes. 1) SLO-Bilder stellten die Kristalle klarer dar als die Farbfundusfotografie, und Autofluoreszenz und Fluoreszenzangiographie waren unauffällig. Die Kombination mehrerer Bildgebungsmodalitäten verspricht eine verbesserte Diagnosegenauigkeit.

Der natürliche Verlauf der Ablagerungen kann sich über Monate schnell verändern oder über Jahre zurückbilden und resorbiert werden.

Angesichts der geografischen und ethnischen Häufung wird die Aufklärung der Ätiologie durch Genom- und Biomolekülanalysen als Hauptrichtung der zukünftigen Forschung angesehen. 1)

Q Wird sich das Sehvermögen in Zukunft verschlechtern?
A

Derzeit gibt es keine Berichte, dass die Kristallablagerungen des WACM selbst eine Sehbehinderung verursachen. 1) Die Prognose ist im Allgemeinen gut, und die Ablagerungen können sich über mehrere Jahre spontan zurückbilden. Allerdings beeinträchtigen begleitende Netzhautgefäßerkrankungen wie die diabetische Retinopathie das Sehvermögen, daher sind die Behandlung systemischer Erkrankungen und regelmäßige augenärztliche Kontrollen wichtig.


  1. Umunakwe OC, Ali MH, Bains N, Matthews JD, Fekrat S. Multimodal Imaging of West African Crystalline Maculopathy in an Igbo Man. J Vitreoretinal Dis. 2022;6(3):243-245.
  2. Morettin CE, Ittner EA. Case Series: West African Crystalline Maculopathy. Optom Vis Sci. 2021;98(12):1403-1407. PMID: 34905528.
  3. Abikoye TM, Idowu OO, Oluleye TS. A systematic review of cases of West African crystalline maculopathy. Int J Clin Pract. 2021;75(12):e14911. PMID: 34551184.

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