Wahrnehmungstyp
Definition: Das Gesicht kann nicht wahrgenommen oder erkannt werden.
Läsionsort: Verbunden mit einer Schädigung des medialen Okzipitallappens beidseits (Gyrus fusiformis).
Prosopagnosie (auch Gesichtsblindheit genannt) ist eine neuroophthalmologische Erkrankung, bei der die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen und zu identifizieren, selektiv beeinträchtigt ist. Der Begriff leitet sich aus dem Griechischen ab: „prosopon“ (Gesicht) + „a“ (Verneinung) + „gnosia“ (Wissen). Sie gehört zu den Formen der visuellen Agnosie. Betroffene können Gesichter von Familienmitgliedern oder deren Mimik nicht erkennen, aber sie können Personen an der Stimme oder Gestik wiedererkennen. Auch das eigene Spiegelbild kann als unbekanntes Gesicht wahrgenommen werden.
1947 beschrieb Joachim Bodamer die Erkrankung erstmals umfassend und prägte den Begriff „Prosopagnosie“. 1)2)
Wahrnehmungstyp
Definition: Das Gesicht kann nicht wahrgenommen oder erkannt werden.
Läsionsort: Verbunden mit einer Schädigung des medialen Okzipitallappens beidseits (Gyrus fusiformis).
Assoziativer Typ
Definition: Das Gesicht kann wahrgenommen, aber nicht identifiziert oder mit Bedeutung versehen werden.
Verantwortliche Region: Zusammenhang mit Störungen des anterioren Temporallappens (Amygdala/Hippocampus).
Darüber hinaus werden zwei Haupttypen nach dem Entstehungsmechanismus unterschieden.
Das Capgras-Syndrom (Wahn, dass nahe Angehörige durch Doppelgänger ersetzt wurden) wird ebenfalls mit einer Störung derselben Hirnregion wie die Prosopagnosie in Verbindung gebracht.
Die entwicklungsbedingte Form tritt bei etwa 2–2,5 % der Allgemeinbevölkerung (Erwachsene) und bei 1,2–4 % der Kinder auf. 3) Die genaue Häufigkeit der erworbenen Form ist unbekannt, es liegen jedoch vereinzelte Fallberichte vor. 2)
Frühere Kopfverletzungen, Bluthochdruck, Diabetes, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall in der Vorgeschichte, Alzheimer-Krankheit, Parkinson-Krankheit und derzeit eingenommene Medikamente.
Es gibt mehrere Berichte über vorübergehende Prosopagnosie während der Aura-Phase einer Migräne. 6) In einer Studie mit 143 Migränepatienten erlebten etwa 5 % eine Prosopagnosie, was auf die räumliche Nähe des Gyrus fusiformis zu migräneassoziierten Hirnregionen zurückgeführt wird. 6)
Die Diagnose wird klinisch gestellt. Es gibt keinen einzelnen Goldstandard.
Die wichtigsten Gesichtserkennungstests sind unten aufgeführt.
| Testname | Abkürzung | Bewertungsinhalt |
|---|---|---|
| Cambridge Face Memory Test | CFMT | Gesichtserkennung und -identifikation |
| Benton Facial Recognition Test | BFRT | Gesichtsabgleich |
| Cambridge Gesichtswahrnehmungstest | CFPT | Beurteilung der Gesichtsähnlichkeit |
| Bielefelder Bekannte-Gesichter-Test | BFFT | Identifikation von Prominenten |
Psychogene Sehstörungen, psychische Erkrankungen (einschließlich Capgras-Syndrom) und Stoffwechselerkrankungen müssen ausgeschlossen werden. 1)
Ein einzelner Goldstandard ist nicht etabliert. Die Bewertung erfolgt durch eine Kombination mehrerer neurokognitiver Funktionstests wie CFMT und BFRT sowie durch die Identifizierung der Läsionsstelle mittels MRT/CT. Selbstbeurteilungsfragebögen können ergänzend eingesetzt werden.
Derzeit gibt es keine etablierte wirksame Behandlung für Prosopagnosie. Die Behandlung der Grunderkrankung und die Prävention weiterer Hirnschäden haben höchste Priorität.
In seltenen Fällen kommt es zu einer spontanen Erholung. Bei einem Fall einer rechtsseitigen Hinterhauptlappenblutung wurde eine vollständige Erholung nach etwa 8 Wochen berichtet. 1) Die Prognose von Gesichtsfeldausfällen nach einem Hirninfarkt ist bei älteren Patienten schlecht, bei jüngeren kann es jedoch zu einer Erholung kommen.
Es gibt keine etablierte Behandlung, und eine spontane Erholung ist selten. Eine Verbesserung kann durch die Behandlung der Grunderkrankung (z. B. Hirninfarkt, Tumor) eintreten. 1)2) Das Training kompensatorischer Strategien (Nutzung von Hinweisen außerhalb des Gesichts wie Stimme, Kleidung, Gestik) zeigt gewisse Wirksamkeit.
Visuelle Informationen werden zunächst im visuellen Kortex V1-V2 empfangen und dann an die visuellen Assoziationsareale V3-V5 weitergeleitet.
Kernnetzwerk:
Erweitertes Netzwerk: Der anteriore Temporallappen (biografische und semantische Informationen), die Amygdala und das limbische System (emotionale Verarbeitung) sowie der intraparietale Sulcus (Aufmerksamkeit) sind beteiligt. 4)
Der inferiore longitudinale Faszikel ist ein Bündel weißer Substanz, das den Okzipitallappen mit dem anterioren Temporallappen verbindet und Teil des ventralen Pfades ist. Eine Schädigung des ILF führt zu einer Unterbrechung des Gesichtserkennungsnetzwerks. Es besteht eine Tendenz zur rechtsseitigen Dominanz. 8) Im Gegensatz zu Gliatumoren neigen Hirnmetastasen dazu, die weiße Substanz zu verdrängen, anstatt zu infiltrieren, was die Genauigkeit der DTI-Traktographie erhöht. 8)
Eine 25-Jahres-Übersicht (55 Studien, 63 Untersuchungen) ergab Folgendes: 4)
Manippa et al. (2023) führten ein Scoping-Review durch, das 25 Jahre neurowissenschaftlicher Erkenntnisse zusammenfasste. Bei DP zeigen sich morphologische, funktionelle und elektrophysiologische Anomalien im gesamten ventralen visuellen Pfad, und die funktionelle sowie anatomische Konnektivität zwischen FFA-OFA und anderen gesichtssensitiven Regionen ist erheblich beeinträchtigt. fMRT-Studien zeigen eine verminderte gesichtsselektive Reaktion der rechten FFA bei DP sowie eine Verkleinerung des FFA-Clusters. ERP-Studien zeigen, dass N170 (eine negative okzipitotemporale Potenzial zwischen 150 und 200 ms), ein Marker für gesichtsselektive Verarbeitung, bei DP ein abnormales Muster aufweist. 4)
Die Gesichtserkennung beruht auf zwei Mechanismen: der ganzheitlichen Verarbeitung (configural) und der Merkmalsverarbeitung (featural). 7)
Leong et al. (2025) zeigten, dass bei Patienten mit erworbener Prosopagnosie die Beeinträchtigung des Gesichtsinversionseffekts (face inversion effect) bestehen bleibt, während der Teil-Ganzes-Effekt und der Composite-Face-Effekt erhalten bleiben können. Diese aufgabenspezifische Störung blieb auch bei einer Nachuntersuchung nach vier Jahren bestehen. 7)
Ma et al. (2023) untersuchten die intranasale Verabreichung von Oxytocin bei 10 DP-Patienten und 10 Kontrollpersonen. Unter Oxytocin-Inhalation verbesserte sich die Leistung in zwei Gesichtsverarbeitungstests. 3)
Nicht-invasive Hirnstimulationsmethoden werden ebenfalls erforscht. 3)
Ma et al. (2023) entwickelten ein System bestehend aus einer Android-App und einem tragbaren Okular, das einen Echtzeit-Gesichtserkennungsmodus und einen Heimtrainingsmodus bietet. Die Verbesserung der Erkennung wurde in Simulationen mit umgekehrten Gesichtern bestätigt. 3)
Ma et al. (2023) fassten Interventionsstrategien für Kinder mit DP/AP zusammen und berichteten über restaurative Strategien (Blickpfad-Training, Gesichtsmerkmal-Diskriminationstraining, ganzheitliches Gesichtsverarbeitungstraining) und kompensatorische Strategien (Karikaturisierung, Feature Naming, semantische Assoziation). Das Feature-Naming-Training wurde bei einem 8-jährigen DP-Patienten in 14 Sitzungen (über einen Monat) durchgeführt und führte zu einer signifikanten Verbesserung der Gesichtserkennung. 3)
Kieseler et al. (2023) berichteten in einer Studie mit 54 Long-COVID-Patienten, dass über die Hälfte eine verminderte visuelle Wahrnehmungs- und Navigationsfähigkeit angab, was darauf hindeutet, dass höhere Sehstörungen bei Long-COVID nicht selten sein könnten. 10)
Faghel-Soubeyrand et al. (2024) zeigten durch eine Korrespondenzanalyse von EEG und DNN-Modellen, dass bei Patienten mit erworbener Prosopagnosie die Ähnlichkeit der semantischen Verarbeitung bereits ab der P100-Phase abnimmt und über N170 und N400 anhält. Dies war ein gegensätzliches Muster zu Super-Recognizern. 5)
Lampley P, Saggio MD, Boulet ML, Dubensky L, Marra EM. A Rare Case of Prosopagnosia Related to Intracranial Hemorrhage. Cureus. 2023;15(9):e45128. doi:10.7759/cureus.45128. PMID:37842404; PMCID:PMC10569753.
Ivanova NI, Kyuchukova DM, Tsalta-Mladenov ME, Georgieva DK, Andonova SP. Prosopagnosia Due to Metastatic Brain Tumor: A Case-Based Review. Cureus. 2024;16(3):e55349. doi:10.7759/cureus.55349. PMID:38559526; PMCID:PMC10981948.
Ma W, Xiao Z, Wu Y, Zhang X, Zheng D, Lei X, et al. Face Blindness in Children and Current Interventions. Behavioral sciences (Basel, Switzerland). 2023;13(8). doi:10.3390/bs13080676. PMID:37622816; PMCID:PMC10451769.
Manippa V, Palmisano A, Ventura M, Rivolta D. The Neural Correlates of Developmental Prosopagnosia: Twenty-Five Years on. Brain Sci. 2023;13(10):1465. doi:10.3390/brainsci13101399.
Faghel-Soubeyrand S, Richoz AR, Waeber D, Woodhams J, Caldara R, Gosselin F, Charest I. Neural computations in prosopagnosia. Cerebral cortex (New York, N.Y. : 1991). 2024;34(5). doi:10.1093/cercor/bhae211. PMID:38795358; PMCID:PMC11127037.
Ley S. An Overview of Prosopagnosia as a Symptom of Migraine: A Literature Review. Current pain and headache reports. 2025;29(1):50. doi:10.1007/s11916-025-01363-6. PMID:39969673; PMCID:PMC11839693.
Leong BQZ, Ismail AMH, Estudillo AJ. Persistent task-specific impairment of holistic face processing in acquired prosopagnosia. Sci Rep. 2025;15(1):7892.
Weiss HK, Pacione DR, Galetta S, Kondziolka D. Prosopagnosia associated with brain metastasis near the inferior longitudinal fasciculus in the nondominant temporal lobe: illustrative case. Journal of neurosurgery. Case lessons. 2021;2(10):CASE21313. doi:10.3171/CASE21313. PMID:35855187; PMCID:PMC9265230.
Soyama S, Matsuda R, Hontsu S, et al. Treatment of transient prosopagnosia with a tyrosine kinase inhibitor in a case of brain metastasis from EGFR-mutated lung adenocarcinoma. Surg Neurol Int. 2022;13:286. doi:10.25259/sni_500_2022.
Kieseler ML, Duchaine B. Persistent prosopagnosia following COVID-19. Cortex; a journal devoted to the study of the nervous system and behavior. 2023;162:56-64. doi:10.1016/j.cortex.2023.01.012. PMID:36966620; PMCID:PMC9995301.