Nach oben verlagerte Gefäße
Superiorer Eintritt der Zentralarterie und -vene der Netzhaut: Der Gefäßursprung ist nach oben zur Papille hin verschoben und erscheint oberhalb des geometrischen Zentrums der Papille.
Die superiore segmentale Optikushypoplasie (Superior Segmental Optic Nerve Hypoplasia: SSONH) ist eine Erkrankung, die durch eine angeborene, auf den oberen Teil der Papille begrenzte Verminderung retinaler Ganglienzellen (RGC) gekennzeichnet ist. Der obere Teil der Papille ist hypoplastisch, was der Papille ein Aussehen wie „ohne Hut“ verleiht, daher der Name „topless optic disc“.
Die Optikushypoplasie (ONH) im Allgemeinen ist die häufigste Gruppe angeborener Sehnervenanomalien, und die SSONH ist eine Unterkategorie.
Historischer Hintergrund: 1977 berichteten Petersen & Walton erstmals über 17 Kinder diabetischer Mütter. 1989 prägten Kim et al. den Begriff „SSONH“ und beschrieben erstmals systematisch vier charakteristische Fundusbefunde [1,2].
Epidemiologie:
Die Optikushypoplasie (ONH) bezeichnet eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen die gesamte Papille klein ausgebildet ist. SSONH ist eine Unterkategorie, die durch eine auf den oberen Teil der Papille beschränkte Hypoplasie gekennzeichnet ist. Die Verteilung der Fundusbefunde und Gesichtsfeldausfälle unterscheidet sich von der ONH, bei der der untere Teil oder die gesamte Papille gleichmäßig betroffen ist.
In vielen Fällen ist es asymptomatisch und wird häufig zufällig bei Vorsorgeuntersuchungen oder Abklärungen anderer Erkrankungen entdeckt.
4 charakteristische Fundusbefunde (Definition nach Kim et al., 1989):
Nach oben verlagerte Gefäße
Superiorer Eintritt der Zentralarterie und -vene der Netzhaut: Der Gefäßursprung ist nach oben zur Papille hin verschoben und erscheint oberhalb des geometrischen Zentrums der Papille.
Blässe des oberen Papillenbereichs
Verschmälerung und Abblassung des oberen Randes: Der obere Teil des Papillenrandes ist verdünnt und blass, was einen Verlust an Nervengewebe widerspiegelt.
Oberer Halo
Oberer peripapillärer Skleralhalo: Ein weißer Ring oberhalb der Papille (oberer Teil des Doppelringzeichens). Hinweis auf Hypoplasie.
RNFL-Verdünnung
Verdünnung der oberen retinalen Nervenfaserschicht (RNFL): Verdünnung der Nervenfasern ausgehend von der oberen Papille. Quantifizierbar mittels OCT.
Oft liegen nicht alle vier Befunde vor, und nicht alle Punkte sind zwingend erforderlich. Für die Diagnose gilt die Kombination von mindestens zwei der vier Befunde mit einem nicht-progressiven Gesichtsfelddefekt als Richtwert (dieses Kriterium ist jedoch umstritten) [1,5].
Merkmale des Gesichtsfelddefekts:
Merkmale bei Asiaten: Asiaten zeigen oft nicht die vier typischen Befunde, und eine Verdünnung der retinalen Nervenfaserschicht im oberen nasalen Bereich tritt häufig als Hauptbefund auf [5,6].
Sehschärfe, Augeninnendruck, Pupillenfunktion und Farbsehen sind in der Regel normal, und die Beeinträchtigung im Alltag ist gering. Selbst bei typischem Gesichtsfelddefekt bleiben Sehschärfe und Gesichtsfeld oft unverändert, wenn kein Glaukom hinzukommt.
Mütterlicher Diabetes gilt als der größte Risikofaktor für SSONH [2,4,7]. Der erste Bericht von 1977 betraf ebenfalls ein Kind einer diabetischen Mutter. Tierversuche haben Augenentwicklungsanomalien und RGC-Absterben unter Hyperglykämie bestätigt. Allerdings werden auch Fälle von Müttern ohne Diabetes berichtet, sodass mütterlicher Diabetes allein die Pathologie nicht erklären kann.
Weitere Risikofaktoren:
Zu den allgemeinen Risiken einer Optikushypoplasie gehören auch die Einnahme von Medikamenten (Phenytoin, Chinin, LSD usw.) und Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft.
Entwicklungshintergrund: Der Sehnerv hat in der frühen Entwicklung etwa 3,7 Millionen Nervenfasern, die bis zur 29. Schwangerschaftswoche durch Apoptose auf etwa 1,1 Millionen reduziert werden. Eine Anomalie dieses Prozesses wird als ursächlich für die Optikushypoplasie angesehen.
Die Kombination von mindestens zwei der vier charakteristischen Befunde und einem nicht fortschreitenden Gesichtsfeldausfall gilt als diagnostischer Richtwert. Dieses Kriterium trifft jedoch bei Asiaten oft nicht zu. Nach den 2008 vorgeschlagenen Kriterien sollte mehr Wert auf das mit dem Goldmann-Perimeter gemessene Gesichtsfeldausfallmuster und den Defekt der retinalen Nervenfaserschicht gelegt werden als auf die Papillenmorphologie.
DM/DD-Verhältnis (Diskusdurchmesser / Makula-Diskus-Abstand):
Die OCT ist die nützlichste Untersuchung für die Diagnose der SSONH und die Abgrenzung zum Glaukom.
SD-OCT: Das Überragen des retinalen Pigmentepithels (RPE)/Bruch-Membran (BM)-Komplexes über die Papille ist charakteristisch für SSONH, und es wurde berichtet, dass das Überragen am nasalen Papillenrand des betroffenen Auges signifikant länger ist als das des gesunden Auges [6].
OCTA (Optische Kohärenztomographie-Angiographie): Eine Abnahme der nasalen peripapillären Kapillardichte (RPCVD) und eine Zunahme der unteren und temporalen RPCVD werden bei SSONH beobachtet, was für die Abgrenzung zum Glaukom nützlich ist [9].
Wird zur Beurteilung systemischer Komplikationen durchgeführt. Bei etwa 15 % der Fälle von Optikushypoplasie wurden Anomalien des Hypophysenstiels berichtet, was eine Abklärung endokriner Erkrankungen erforderlich machen kann. Auch das de-Morsier-Syndrom (septo-optische Dysplasie: Optikushypoplasie + Septum-pellucidum-Agenesie + Balkenagenesie + Hypophyseninsuffizienz) sollte in Betracht gezogen werden. Auch bei einseitigem Befall wird eine mindestens einmalige systemische Untersuchung empfohlen.
SSONH und Glaukom ähneln sich in Fundus- und Gesichtsfeldbefunden, daher ist die Differenzierung klinisch die wichtigste Herausforderung.
Die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen SSONH und Glaukom sind im Folgenden aufgeführt.
| Unterscheidungsmerkmal | SSONH | Glaukom |
|---|---|---|
| Verlauf | Nicht fortschreitend | Fortschreitend |
| Prädilektionsstellen von Defekten der retinalen Nervenfaserschicht | Oben und oben-nasal | Temporal (oberer und unterer Pol) |
| Vorwölbung des retinalen Pigmentepithels/Bruch-Membran | Vorhanden (oben) | Nicht vorhanden |
| Lage des Gesichtsfeldausfalls | Peripherer als die Bjerrum-Zone | Bjerrum-Zone |
Der wichtigste Punkt ist die zeitliche Stabilität von Gesichtsfeld und Papillenmorphologie. Da die SSONH nicht fortschreitet, ist das Fehlen von Veränderungen bei regelmäßigen Gesichtsfelduntersuchungen und OCT ein Grund, ein Glaukom auszuschließen. Darüber hinaus helfen die Lokalisation der RNFL-Defekte (bei SSONH oben und oben-nasal, bei Glaukom temporal), die Vorwölbung des retinalen Pigmentepithels/Bruch-Membran-Komplexes (charakteristisch für SSONH) und die Verteilung der Kapillardichte mittels OCTA bei der Differenzialdiagnose. Einzelheiten finden Sie im Abschnitt „Diagnose und Untersuchungsmethoden“.
Die SSONH ist eine nicht fortschreitende angeborene Erkrankung, die grundsätzlich keiner Behandlung bedarf. Langzeit-Follow-up-Studien haben bestätigt, dass sich Gesichtsfeldausfälle und Papillenmorphologie nicht verändern [1,7].
Grundsätze der Behandlung:
Grundsätzlich ist keine Behandlung erforderlich. Die SSONH ist eine nicht fortschreitende angeborene Erkrankung, die ohne Glaukomkomplikation ohne Veränderungen von Sehschärfe und Gesichtsfeld verläuft. Da jedoch ein Risiko für ein begleitendes Glaukom besteht, ist eine regelmäßige Nachsorge mittels OCT und Gesichtsfelduntersuchung erforderlich. Leichtfertige Augentropfen oder Operationen zur Senkung des Augeninnendrucks sollten vermieden werden.
Das pathologische Wesen der Optikushypoplasie ist eine Entwicklungsstörung der retinalen Ganglienzellen (RGC) und ihrer Nervenfasern. Es werden zwei Mechanismen angenommen: ein primärer RGC-Verlust aufgrund einer Entwicklungsanomalie und eine retrograde Degeneration aufgrund von Entwicklungsanomalien auf der zentralen Seite (Corpus geniculatum laterale, visueller Kortex). Die RNFL-Ausdünnung bei SSONH spiegelt direkt einen selektiven RGC-Verlust im oberen Bereich wider.
Zu Beginn der Entwicklung gibt es etwa 3,7 Millionen Sehnervenfasern, die bis zur 29. Schwangerschaftswoche durch Apoptose (programmierter Zelltod) auf etwa 1,1 Millionen reduziert werden. Es wird angenommen, dass die Entstehung der SSONH mit einer Störung dieses normalen Entwicklungsprozesses (fehlende anfängliche Bildung oder erhöhte Apoptose) zusammenhängt. Eine Studie aus dem Jahr 1998 zeigte eine erhöhte Apoptose in Netzhautzellen von Diabetikern, was darauf hindeutet, dass mütterliche Hyperglykämie einen übermäßigen Zelltod von RGC verursachen könnte.
Warum die Schädigung auf den oberen Teil der Papille beschränkt ist, ist derzeit noch nicht vollständig geklärt. Es ist bekannt, dass das Signaltransduktionssystem von Ephrin B1/B2 (Liganden) und EphB1-4 (Rezeptoren) an der dorsoventralen Musterbildung (Differenzierung oben/unten) der Papille und der Wegfindung der RGC-Axone beteiligt ist. Eine Anomalie dieses Systems wird als mögliche Ursache für die Entstehung einer oberen/unteren Grenze genannt. Allerdings ist die klinisch beobachtete obere/untere Grenze sehr scharf, während das Ephrin/Eph-Signal einen allmählichen Konzentrationsgradienten bildet, sodass diese Erklärung allein als unzureichend angesehen wird. Es wird auch diskutiert, ob ein selektiver Zelltod nach einer lokalen Schädigung der Papille eine angemessenere Erklärung sein könnte [1].