Eine Lernbehinderung (learning disability) ist eine Störung der kognitiven und psychologischen Prozesse, die am Verständnis und Gebrauch von geschriebener und gesprochener Sprache beteiligt sind. Legasthenie (Dyslexie) ist eine sprachbasierte Lernbehinderung, die die Lesefähigkeit beeinträchtigt und als die häufigste Lernbehinderung gilt.
Im DSM-5 wird unter den spezifischen Lernstörungen (specific learning disorder; SLD) diejenige mit Lese- und Rechtschreibstörung als entwicklungsbedingte Legasthenie (developmental dyslexia) bezeichnet. Legasthenie macht 80 % der SLD aus. Das grundlegende Merkmal sind Schwierigkeiten in der Genauigkeit und Geläufigkeit beim lauten Lesen und Schreiben von Buchstaben und Wörtern.
Prävalenz: 5–17 %. Unterschiede je nach Sprachraum.
Sprachliche Unterschiede: In Sprachen mit übereinstimmender Schreibweise und Aussprache wie Japanisch tritt die Störung weniger deutlich zutage als in Sprachen wie Englisch.
Situation in Japan: Der Bekanntheitsgrad ist gering und die Maßnahmen sind verzögert.
Genetische Faktoren: Bei etwa 40 % der Geschwister, Eltern oder Kinder von Betroffenen tritt eine Lesestörung auf.
Geschlechterunterschied: Es wird angenommen, dass es keinen Unterschied in der Prävalenz zwischen den Geschlechtern gibt.
US-Daten: 40% der Grundschulkinder haben Schwierigkeiten beim Lesenlernen, 5% werden zur Förderung überwiesen.
QIst Legasthenie dasselbe wie eine geistige Behinderung?
A
Legasthenie und geistige Behinderung sind unterschiedlich. Bei Legasthenie ist die intellektuelle Entwicklung normal, die Ursache ist eine neurologische Anomalie der phonologischen Verarbeitung im Gehirn. Lernumgebung und Motivation der Person sind unproblematisch.
Das Lautieren von Schriftzeichen ist schwierig; Lesen ist möglich, aber es mangelt an Genauigkeit und Flüssigkeit. Lese- und Schreibsymptome treten bei allen Kindern im frühen Alter auf, aber Legasthenie liegt vor, wenn die altersentsprechende Entwicklung auch nach der Einschulung beeinträchtigt ist. Da das Lesen nicht genau möglich ist, wird auch das Schreiben schwierig. Das Kind ermüdet beim Erlernen des gleichen Lernstoffs wie gleichaltrige Kinder, was zu Schulverweigerung führen kann.
Die Hauptsymptome beim Lesen und Schreiben werden im Folgenden dargestellt.
Symptome beim Lesen
Symptome beim Schreiben
Mangelndes Interesse an Buchstaben in der frühen Kindheit
Fehler bei speziellen Silben (Sokuon, Hatsuon, Diphthonge)
Buchstabierendes Lesen
Verwechslung von Homophonen wie „ha“ und „wa“
Willkürliches Lesen (nach Belieben verändern)
Fehler bei ähnlich aussehenden Zeichen wie „me“ und „nu“
Überspringen von Buchstaben, Wörtern oder Sätzen beim Lesen
Hinzufügen oder Weglassen von Strichen bei komplexen Kanji
Legasthenie ist eine spezifische Lernstörung mit neurobiologischen Ursachen. Die zugrundeliegenden neurologischen Anomalien betreffen die phonologische Verarbeitung und die visuelle Informationsverarbeitung, nicht das Sehen oder Hören.
Neuronale Grundlage: In der fMRI zeigen sich Aktivitätsanomalien in den Basalganglien und der linken oberen temporalen Gehirnregion, die an der phonologischen Verarbeitung beteiligt sind.
Funktionelle Bildgebung des Gehirns: Eine verminderte Aktivierung im linken okzipitotemporalen Bereich (visuelles Wortformgebiet) wird festgestellt, und es entwickeln sich kompensatorisch alternative Schaltkreise in der rechten und vorderen Region.
Genetische Faktoren : Es gibt eine starke genetische Komponente. Bei etwa 40 % der Familienangehörigen von Betroffenen treten Lesestörungen auf.
Zusammenhang mit ADHS: ADHS ist ein Risikofaktor für die gleichzeitige Entwicklung einer Lesestörung. Kinder mit einer familiären Vorgeschichte von ADHS haben ein höheres Risiko.
Es ist wichtig zu verstehen, dass der Wille, die Persönlichkeit oder die familiäre Erziehung der Person nicht die Ursache sind.
QIst Legasthenie erblich?
A
Es gibt eine starke genetische Komponente. Etwa 40 % der Geschwister, Eltern oder Kinder von Betroffenen haben ebenfalls Legasthenie. Die Familienanamnese ist einer der Risikofaktoren.
Die Diagnose von Legasthenie erfordert mehrere Fachleute. Der Augenarzt spielt eine wichtige Rolle beim Ausschluss organischer Augenerkrankungen und der Überweisung an geeignete Einrichtungen.
Rolle des Augenarztes
Ausschluss organischer Erkrankungen : Ausschluss behandelbarer Augenerkrankungen wie Schielen, Amblyopie, Konvergenzinsuffizienz, Akkommodationsstörungen und Refraktionsfehler.
Refraktionskorrektur und Augenstellungskorrektur : Bei Bedarf Korrektur durchführen.
Anamnese : Ergebnisse der Augenuntersuchung im Alter von 3 Jahren und der Schuleingangsuntersuchung, Familienanamnese und Verhalten in der Schule erfragen.
Überweisung an eine Fachstelle: Bei Verdacht auf Legasthenie an eine geeignete Einrichtung für Tests und Diagnose überweisen.
Rolle von Bildungs- und Psychologiefachleuten
Innerhalb der Schule: Bildungsdiagnostiker, Leseexperten und Schulpsychologen sind für die Bewertung und Diagnose zuständig.
Außerhalb der Schule: Kinderpsychologen, Bildungsdiagnostiker und Kinderneuropsychologen gelten als am besten geeignet für die Diagnose.
Formelle Bewertung: Umfassende Bewertung von Kognition, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, intellektuellen Fähigkeiten, Informationsverarbeitung, psycholinguistischer Verarbeitung, akademischen Fähigkeiten, sozial-emotionaler Entwicklung und adaptivem Verhalten.
Die Tests für Legasthenie umfassen allgemeine Intelligenztests, Lese- und Schreibevaluierung, müssen jedoch in einem spezialisierten Krankenhaus wie der Kinderneurologie durchgeführt werden. Die örtlichen Gesundheitszentren sind oft die Anlaufstelle. Bei gleichzeitigem Vorliegen von ADHS kann die Testung selbst schwierig sein, was die Diagnose erschwert.
Augen- und Hörtests sind wesentliche Bestandteile der Beurteilung.
Es gibt keine grundlegende Heilung. Durch frühzeitige Diagnose und aktives Training können jedoch Schwierigkeiten in Schule und Alltag minimiert werden.
Wirksame Interventionen
Lautlese- und Wortschatzunterricht : Es wurde bestätigt, dass sich Bereiche mit abnormaler Aktivität im fMRI verbessern.
Phonetikbasierter (Phonem) Unterricht : Dies ist eine wichtige Interventionsmethode als spezifische pädagogische Technik.
Behandlung von ADHS : Komorbide ADHS wird mit einer geeigneten Stimulanzientherapie behandelt.
Unwirksame Interventionen
Sehtraining : Es ist teuer und hat keinerlei Wirksamkeit bei Legasthenie.
Getönte Linsen/Overlays : In kontrollierten klinischen Studien wurde kein Nutzen nachgewiesen.
Augenmuskeltraining: Mit Ausnahme der Behandlung der Konvergenzinsuffizienz wurde kein Nutzen nachgewiesen.
Sena et al. (2024) führten bei einem 9-jährigen Mädchen mit entwicklungsbedingter Legasthenie und Hochbegabung ein phonologisches Rehabilitationsprogramm durch (1× pro Woche 60 Minuten, insgesamt 20 Sitzungen). Vor der Intervention betrug die Lesegeschwindigkeit 20 Wörter pro Minute, nach der Intervention verbesserte sie sich auf 94,4 Wörter pro Minute, und das Leseniveau stieg von der alphabetischen auf die orthografische Stufe 1).
Auch die Unterstützung durch das Umfeld ist ein wichtiger Teil der Behandlung.
Verstehen, dass die Ursache eine neurologische Anomalie ist
Klarstellen, dass es sich nicht um ein Problem der Motivation oder der Erziehung handelt
Die Zusammenarbeit zwischen Zuhause und Schule ist unerlässlich
Die Bemühungen der Person anzuerkennen, zu ermutigen und zu loben, stärkt ihr Selbstvertrauen erheblich
QIst Sehtraining bei Lesestörungen wirksam?
A
Es ist nicht wirksam. Es wurde nachgewiesen, dass Sehtraining bei Legasthenie keinerlei Wirksamkeit hat. Auch farbige Linsen oder Overlays haben in kontrollierten klinischen Studien keinen Nutzen gezeigt. Unbegründete teure Alternativtherapien sollten vermieden werden.
QWie sollten Angehörige mit einem Kind mit Lesestörung umgehen?
A
Verstehen Sie, dass die Ursache eine neurologische Störung ist und nicht ein Problem des Willens oder der Erziehung. Das Kind hat mehr Stress, als man denkt; Bemühungen anzuerkennen und zu ermutigen stärkt das Selbstvertrauen. Die Zusammenarbeit zwischen Zuhause und Schule ist unerlässlich.
Linke okzipitotemporale Region : visuelle Wortformregion, die für flüssiges Lesen notwendig ist; bei Legasthenie zeigt sich eine verminderte Aktivierung
Kompensationsmechanismen : Entwicklung alternativer Schaltkreise in der rechten und vorderen Gehirnhälfte, um das Lesen zu kompensieren
Basalganglien und linker vorderer superiorer temporaler Gyrus : an der phonologischen Verarbeitung beteiligte Regionen mit abnormer Aktivität im fMRT
Es wurde bestätigt, dass therapeutische Trainingsinterventionen wie Lese- und Wortschatzunterricht die Bereiche verbessern, die im fMRI abnormale Aktivität zeigten.
Das phonologische Rehabilitationsprogramm von Sena et al. (2024) umfasste Interventionen zur Identifikation und Manipulation von Phonemen und Silben, Reimen und Alliterationen, lexikalischem Zugriff, visuellem und auditivem Arbeitsgedächtnis sowie Lesetraining. Nach der Intervention verbesserten sich die phonologischen Bewusstseinswerte von 49 auf 57 für Silben und von 14 auf 20 für Phoneme, und das Arbeitsgedächtnis (Rückwärtsspanne) stieg von 4 auf 121).
7. Aktuelle Forschung und zukünftige Perspektiven (Forschungsberichte)
Sena et al. (2024) berichteten über die Wirkung der phonologischen Rehabilitation bei Kindern mit „doppelter Ausnahmebegabung (2E)“, die sowohl Hochbegabung als auch entwicklungsbedingte Legasthenie aufweisen. Normalerweise ist die Verbesserung des Leseniveaus nach einem phonologischen Rehabilitationsprogramm bei Kindern mit alleiniger Legasthenie moderat, aber in diesem Fall verbesserte sich das Leseniveau deutlich von der alphabetischen zur orthografischen Stufe. Es wird vermutet, dass die durch die Hochbegabung gestärkten exekutiven Funktionen die Verbesserung der Arbeitsgedächtnisaufgabe (Zahlenspanne rückwärts 4→12) gefördert haben könnten1).
Die Dyslexieforschung im japanischsprachigen Raum ist rückständig, und die Verbesserung des Bewusstseins sowie der Aufbau von Unterstützungssystemen sind zukünftige Herausforderungen. Da die Entsprechung von Schreibung und Aussprache im Japanischen regelmäßig ist, tritt die Störung weniger deutlich zutage und wird leicht übersehen.
Sena AMBG, Messias BLC, Bezerra RLM, et al. Phonological remediation effects on a child with giftedness and developmental dyslexia. CoDAS. 2024;36(3):e20230068.
Birch EE, Kelly KR. Pediatric ophthalmology and childhood reading difficulties: Amblyopia and slow reading. J AAPOS. 2017;21(6):442-444. PMID: 28870794.